Historiker: „Alle haben davon gewusst“

Im Stadtarchiv Witten stellt der Historiker und Autor Ralph Klein sein neuestes Buch "Das KZ-Außenlager in Witten Annen" vor.
Im Stadtarchiv Witten stellt der Historiker und Autor Ralph Klein sein neuestes Buch "Das KZ-Außenlager in Witten Annen" vor.
Foto: FUNKE Foto Services
Ralph Klein beleuchtet in Studie zum KZ-Außenlager Annen auch die Rolle der Wittener: Die„Neuentdeckung“ in den 1980ern sei eine Legende.

Witten..  „Ich wollte es genauer wissen!“, sagt Ralph Klein. Angestoßen durch seine Mitarbeit in der Arbeitsgruppe des Projektes Soziale Stadt Annen hat der Wittener Historiker (60) die Geschichte des KZ-Außenlagers in Annen neu und weiter erforscht. In der jetzt erschienenen Studie erschließt er die Baugeschichte des Lagers. Er stellt die Arbeit der Wittener KZ-Insassen in den Zusammenhang der NS-Zwangsarbeit in Annen. Zugleich beschreibt er, wie mit dem Lagergelände und mit der Erinnerung an das Lager seit 1945 umgegangen wurde.

Mehr als andere fragt Klein nach der Verstrickung und dem Wegschauen der einheimischen Bevölkerung. Das Annener Werk der Ruhrstahl AG stellte Panzerplatten für Kriegsschiffe und Stahlgussteile für den Flugzeugbau her. Es wurde „Elitewerk der deutschen Rüstungsindustrie“. Die Belegschaft wuchs von 350 Personen 1934 rasant auf 4670 Personen 1944. Schon im Sommer 1943, also ein Jahr früher als bisher belebt, bemühte sich die Werksleitung aktiv, wenn auch noch erfolgslos, KZ-Insassen nach Annen zu holen, fand Klein heraus.

Mit Steinen beworfen

Ab September 1944 mussten rund 700 Insassen des Außenlagers Buchenwald im Annener Werk arbeiten. Und sie begegneten Deutschen nicht nur dort. Die Männer mit ihren für KZ-Insassen typischen blau-weiß gestreiften Jacken und Hosen wurden zum Schichtwechsel gegen 5.30 und 17.30 Uhr von bewaffneten SS-Leuten durch die Westfeldstraße zum Werk oder zurück geführt. Zehn- bis zwölfjährige Kinder hätten die Kolonne mit Steinen beworfen, berichtete nach dem Krieg ein früherer Insasse.

In seinen berühmten „Fragen eines lesenden Arbeiters“ formulierte Berthold Brecht: „Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei?“ Diesen scharfen Ton schlägt Ralph Klein an, wenn er nach den Bäckern, Metzgern und Gemüsehändlern fragt, die das Lager und seine Bewacher versorgten. Und er kommt zu dem Schluss, dass NS-Zwangsarbeitersystem sei eine „arbeitsteilige Kollektivtat“ gewesen, an der „nicht nur die Lagerführer und -wachen, die Werkschützer und SS-Männer, die Schläger und Folterer, die Manager und Verwaltungsangestellten teilnahmen, sondern auch die Lebensmittellieferanten, Vorarbeiter, Meister, Ärzte, Sanitäter, Ordnungskräfte und Handwerker.“

Die verbreitete Auffassung, dass das KZ-Außenlager erst durch einen Zufall von einer Schulklasse des Martmöller-Gymnasiums wiederentdeckt worden sei, verweist Klein mit zahlreichen Belegen aus der Nachkriegszeit ins Reich der Legende. Die Klasse habe das Thema wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. „Aber die Anwohner wussten das alle, die haben nur nicht darüber gesprochen.“

„Zentraler Lernort“ fehlt

Ein katholischer Kindergarten nutzte gleich nach dem Krieg eine Mannschaftsbaracke, andere wurden für Bedürftige genutzt. Die Baracken wurden Anfang der 50er abgerissen. Das Gelände diente u.a. als Spielplatz, Parkplatz, illegale Müllkippe und Hundewiese. Seit den 70er Jahren stehen auf dem größten Teil Wohnhäuser. Dank der AMG-Schüler erinnert seit 1985 eine Stele an das Außenlager, 1992 stellte die Stadt die Restfläche als Bodendenkmal unter Denkmalschutz. Dank der Bürgerinitiative L(i)ebensertes Annen wurde diese 2013 durch zwei Texttafeln ergänzt. Einen „zentralen Lernort“, an dem sich die Wittener mit ihrer Geschichte in der Nazi-Zeit auseinandersetzen, vermisst Klein bis heute.

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