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Gutachter sehen Wittener Innenstadt in Gefahr

08.03.2016 | 15:50 Uhr
Gutachter sehen Wittener Innenstadt in Gefahr
Die „Neue Mitte“ von Annen? Ganz rechts in der hinteren Reihe (ebenfalls lila) sieht man Real, links mit mehreren Gebäuden die Wickmannfläche. Vorne rechts sind 2400 qm für drei neue Fachmärkte eingeplant, schräg gegenüber 3800 qm für einen möglichen Elektrofachmarkt.Foto: Barbara Zabka

Witten.   Wenn sich neue Fachmärkte etwa für Elektrobedarf und Schuhe auf dem Wickmanngelände ansiedeln, drohen laut Gutachten Gefahren für die City und Annen.

Eine Öffnung des Wickmanngeländes für neue Fachmärkte mit Elektroartikeln, Schuhen und Drogeriebedarf würde das Stadtteilzentrum Annen, aber auch die Innenstadt deutlich schwächen. Zu diesem Schluss kommt ein Verträglichkeitsgutachter, das Kaufleute aus der Nachbarschaft, aber vor allem auch der Innenstadt anfertigen ließen.

Lokales
Der Zug ist schon abgefahren

Natürlich fällt das Verträglichkeitsgutachten zu möglichen neuen Fachmärkten auf dem Wickmanngelände so aus, wie es die Auftraggeber prophezeit haben: Bestimmte Branchen, allen voran Elektro und Schuhe, schaden der Innenstadt. Etwas polemisch könnte man auch sagen: Bitte haltet uns die Konkurrenz vom Leib.

Aber damit würde man es sich zu einfach machen. Natürlich hat so ein Auftragsgutachten von interessierter Seite (Kaufleute) immer einen etwas faden Beigeschmack. Und natürlich müssen (hoffentlich!) nicht alle beschriebenen „Worse-Case“-Szenarien zutreffen, also der schlimmstmögliche Fall.

Aber bleiben wir bei den nüchternen Fakten. Tatsache ist, dass es Saturn im Zentrum schon jetzt nicht so gut geht. Zwar hat der Hifi-Riese wissend um Wickmann trotzdem erst im letzten Jahr noch einen neuen Zehn-Jahres-Vertrag unterschrieben. Doch die Bäume wachsen nicht in den Himmel – und ein attraktiver Elektromarkt am Rande bedeutet bei einer Stadt von der Größe Wittens immer eine Gefahr für die City. Um das zu ahnen, braucht man nicht zwingend ein 100-Seiten-Gutachten.

Dass Real in Annen die Konkurrenz direkt vor der Haustür ebenfalls nicht unbedingt herbeisehnt, ist verständlich. Doch andererseits muss man fragen dürfen, ob die bisher vorgenommenen Abgrenzungen tatsächlich noch vertretbar sind. Was auf dem Wickmanngelände verboten ist, soll wenige hundert Meter weiter erlaubt sein? Das ist schwer nachvollziehbar.

Fazit: Die künftige Entwicklung an der Annenstraße muss kritisch begleitet werden. Die Politik hat die Weichen für eine Öffnung der Fläche zugunsten mehrerer Investoren gestellt. Gleichzeitig muss die von der Stadt angekündigte Verträglichkeitsprüfung jedes Einzelvorhabens sorgfältig durchgeführt werden – und im Zweifelsfall auch ein „Nein“ zulassen. Man darf die Warnungen der Gutachter keinenfalls in den Wind schlagen.

Zu den Auftraggebern gehört neben der Stadtgalerie, der Standortgemeinschaft Witten-Mitte und einigen Einzelhändlern aus dem Zentrum in erster Linie Real, der Annener Platzhirsch direkt neben Wickmann. Das SB-Warenhaus, wo man von Lebensmitteln bis Spülmaschinen fast alles bekommt geriete nach Einschätzung der Gutachter zumindest unter Druck, wenn das Vorhaben nebenan mit einer Gesamtverkaufsfläche von über 7000 Quadratmetern verwirklicht würde.

Gutachter:„Aufgabe von Saturn zu erwarten“

Während zusätzliche Angebote für Bekleidung und Lebensmitteln als noch verkraftbar eingeschätzt werden, würden andere Branchen deutlich leiden, meinen die Gutachter der in Bergisch Gladbach ansässigen Hahn Gruppe. Sie sehen die größte Gefahr für Elektrowaren, namentlich Saturn.

Siedelt sich auf dem Wickmanngelände tatsächlich ein bis zu 3800 Quadratmeter großer Konkurrent wie Berlet an, verlören ähnliche Anbieter in Annen 155 Prozent Umsatz, die Innenstadt 50 Prozent. Fazit: „Die Aufgabe des Saturn-Fachmarkts ist zu erwarten.“ Die Gutachter sehen den jetzigen Magneten in der Stadtgalerie gerade deshalb gefährdet, weil gerade der Kunde für Elektrobedarf aufs Auto orientiert sei.

„Verödung einzelner Straßenzüge nicht ausgeschlossen“

Bei anderen Sortimenten wie Drogerieartikeln und Schuhen werden Umsatzrückgänge zwischen zwölf und 20 Prozent vorausgesagt. Rossmann in Annen müsse voraussichtlich ebenfalls schließen. Dagegen könne die Innenstadt aufgrund ihrer Leerstände einen zusätzlichen Schuhfachmarkt durchaus vertragen, meinen die Gutachter. Andernfalls, bei entsprechenden Neuansiedlungen auf dem Wickmanngelände, seien zusätzliche Leerstände in der Innenstadt zu erwarten, ebenso im „vorgeschädigten“ Stadtteilzentrum Annen.

Durch die Verschiebungen „innerhalb des Versorgungsbereichs“ sei eine „Verödung einzelner Straßenzüge“ nicht ausgeschlossen. Bis zu 37 Millionen Euro Kaufkraft würden im schlechtesten Falle in die neue Fachmarkt-Mitte fließen, so das Gutachten. Davon entfielen allein 20 Millionen auf das Elektrosortiment.

Politik stellt Weichen für Eigentümer beziehungsweise Investoren

In einem Schreiben an die Bürgermeisterin und die Politik warnt das Gutachterbüro vor einer solchen Entwicklung. Bebauungspläne, die diese bisher unmöglich machten, dürften nicht aufgehoben werden, die Ansiedlung von „großflächigem zentrenrelevanten“ Einzelhandel müsse auf ein Mindestmaß begrenzt werden. Möglicherweise kommen die Bedenken zu spät.

Der Stadtentwicklungsausschuss hat wie berichtet soeben die alten Bebauungspläne aufgehoben, die zum Beispiel einen Elektromarkt unmöglich machten, und damit die Weichen im Sinne der interessierten Grundstückseigentümer und Investoren gestellt.

Jürgen Augstein

Kommentare
10.03.2016
08:02
"Gutachter sehen Wittener Innenstadt in Gefahr" ... zu den Auftraggebern gehört neben der Stadtgalerie, der Standortgemeinschaft Witten-Mitte und einigen Einzelhändlern aus dem Zentrum in erster Linie Real
von nasowat | #16

Wer hat denn ein anderes Ergebnis als das erwünschte erwartet, wenn man den Gutachter selbst bezahl.
Wie hieß es noch?
"Wes Brot ich ess, des Lied ich...
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Gutachter sehen Wittener Innenstadt in Gefahr
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2016-03-08 15:50
Witten