Gläubige sind nach Moscheebrand fassungslos

Brandanschlag auf die Moschee in der Wideystrasse in Witten
Brandanschlag auf die Moschee in der Wideystrasse in Witten
Foto: Thomas Nitsche
Was wir bereits wissen
Am Dienstagmorgen brannte der Gebetsraum einer Moschee in Witten. Zusammenhang mit weiterem Brand an Jugendzentrum ist möglich.

Witten.. Ein Brand in der Sultan Ahmet Moschee an der Wideystraße ist gerade noch einmal glimpflich ausgegangen. Überwachungskameras filmten einen Unbekannten dabei, wie er in der Nacht zu Dienstag, um 23.50 Uhr, den Teppich im großen Gebetsraum anzündet. In dem Haus leben drei türkische Familien. Doch das Feuer erlosch nach wenigen Minuten von selbst.

Erst der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde Wittens, Veysel Arslan, und einige Gläubige entdeckten um 5.30 Uhr den verrauchten Gebetsraum und riefen die Feuerwehr. Der Teppich ist stark verkohlt, eine Empore vom Feuer „angefressen“. Es riecht noch Stunden später nach Rauch.

Kommentar Brandursache war zunächst ein Rätsel

Die Aufregung unter den 400 Gemeindemitgliedern ist an diesem Morgen groß. Denn wie es zu dem Brand kam, kann sich zunächst keiner erklären: Nach dem Nachtgebet um 22.30 Uhr mit 20 Personen hatte man die Moschee abgeschlossen. „Ich hatte noch alles kontrolliert“, sagt Arslan. Und was sollte sich in dem schön gefliesten und mit hochwertigen Teppichen ausgelegten Gebetsraum schon von selbst entzünden? Dort befinden sich kaum Elektroinstallationen. Kerzen oder Ähnliches werden nicht benutzt.

Doch noch bevor die Polizei angibt, dass man „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ von Brandstiftung ausgehen kann, haben schon etliche Gemeindemitglieder die Bilder von den sechs Überwachungskameras angesehen, die kaum Zweifel an einem Brandanschlag lassen: Gegen 23.50 Uhr betritt ein unbekannter Mann das Gelände.

Brandstifter gießt Benzin über Teppiche

Er trägt einen Benzinkanister und hebelt an der Rückseite des Gebäudes das Fenster eines Waschraums auf. Das Benzin gießt er in Schlangenlinien über die Teppiche, er zündet es an und verlässt das Gebäude durch die Vordertür. Zum Glück geht das Feuer in dem Saal, in dem alle Fenster verschlossen sind, nach wenigen Minuten von selbst aus.

Drei Familien leben im Haupttrakt des Gebäudes, darunter der Hodscha (der islamische Vorbeter) mit Frau und Kindern. „Das hätte schlimm enden können. Und das hat der Täter einfach in Kauf genommen“, sagt Levent Celik vom Vorstand der Moscheegemeinde sichtlich erschüttert.

Staatsschutz ermittelt

Seit 1977 ist das einstige Männerwohnheim der Deutschen Bundesbahn in Besitz der türkisch-islamischen Gemeinde. Auch viele Schwarzafrikaner und bosnische Serben beten dort. Das Gelände haben die Mitglieder ehrenamtlich und mit eigenen Geldern hergerichtet. „Einen solchen Vorfall hat es noch nie gegeben“, sagt Celik. Die Frage, ob dies ein fremdenfeindlicher Anschlag ist, spricht niemand aus. Aber jeder stellt sie sich.

In einer eigens eingerichteten Ermittlungskommission der Polizei arbeitet auch der Staatsschutz mit. Man könne nicht ausschließen, dass es sich beim Motiv um einen fremdenfeindlichen Hintergrund handelt, sagt Polizeisprecher Axel Pütter, eben „weil es sich um eine Moschee handelt“.

Attacke auf Moschee Ermittler suchen Zusammenhang zu weiterem Brand

Zur Schadenshöhe wollte sich die Polizei am Dienstag nicht äußern. Nur so viel: Es sei „hoher Gebäudeschaden entstanden“ – nicht nur am Teppich, vor allem durch den starken Ruß. Zudem suchen die Ermittler nach einem Zusammenhang mit einem weiteren Brand: In derselben Nacht haben Unbekannte eine Tür des nahen „Haus der Jugend“ an der Nordstraße angezündet.

Auch hier kam Brandbeschleuniger zum Einsatz. Man müsse schauen, so Pütter, „ob da jemand an mehreren Stellen sein Unwesen treibt“.

Moschee ist für viele Gläubige wie ein Zuhause

Ein Brandanschlag in ihrer Moschee? Diese Nachricht empfängt Mikail noch während des Unterrichts über sein Handy. Nach der Schule eilt der 18-Jährige sofort an die Wideystraße. Auch um zu gucken, vor allem aber, um zu beten.

Weil der große Gebetsraum nach dem Feuer in der Nacht verkohlt ist, schickt der Hodscha die Gläubigen mittags in den kleineren Frauen-Gebetsraum. Für das Freitagsgebet, wenn viele hundert Muslime in die Moschee strömen, wollen sie wohl Teppiche in den Garten legen. Der große Gebetsraum ist wohl länger nicht mehr nutzbar.

Gläubige sind fassungslos

Wie sehr die Moschee für die 400 Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde auch ein Zuhause ist, zeigt sich an diesem Dienstagmittag. Wie kann man ihr Allerheiligstes nur anzünden? Fassungslos stehen ausnahmslos Männer in der Frühlingssonne im Garten des Geländes. Dieses Areal haben sie, ihre Väter oder Großväter aufgebaut. Sie haben ihr Geld gespendet, haben gestrichen, verputzt, gefliest, den Garten angelegt. Bei besonderen Feiern, etwa zur „Kermes" am Wochenende, versammeln sich hier bis zu tausend Gäste.

Brände Das sind übrigens nicht nur Türken. Auch viele Deutsche kommen dann, um ein Glas Tee zu trinken, sowie Muslime anderer Nationalität: Libanesen, Araber, Schwarzafrikaner. Bis vor kurzem betete auch die bosnische Gemeinde in der Sultan Ahmet Camii. Nun hat sie ihr Kulturzentrum an der Breite Straße. Zwei weitere Moscheen gibt es noch in Witten: die Ayasofya Camii an der Annenstraße und die Fatih Camii in Herbede.

"Das wird uns nicht daran hindern, unsere Arbeit fortzusetzen"

Die türkisch-islamische Gemeinde hat sich stets um ein nachbarschaftliches Verhältnis bemüht. So sind etwa die Pfarrer der christlichen Gemeinden häufig zu Gast. Und nun zündete ein Einbrecher den Teppich des Gebetsraumes an. Wie leicht hätte das ganze Gebäude mit drei darin schlafenden Familien in Flammen stehen können. „Das wird uns nicht daran hindern, unsere Arbeit fortzusetzen. Wir bleiben, was wir sind“, sagt Gemeindemitglied Yüksel Dogan, der „aus Überzeugung“ den deutschen Pass hat.

Der 47-Jährige erinnert sich noch daran, wie sie das einstige Männerwohnheim zum Gemeindezentrum ausbauten und die Schrebergärten zum Moscheegarten. Erst vor elf Jahren verzierte man den Gebetsraum mit orientalischen Fliesen. Die Teppiche werden alle fünf Jahre erneuert – aus hygienischen Gründen.

Die Aufzeichnungen vom Anschlag kennen fast alle

Auch Yavuz (17) fühlt sich auf dem Gelände zu Hause. Er zeigt den Jugendraum, in dem er und sein Freund Mikail oft Kicker spielen. Beide beten fünfmal täglich. „Wenn es passt, komme ich in die Moschee. Sonst habe ich einen Gebetsteppich zu Hause“, sagt Yavuz. Und: „Das ist das erste Mal, dass ich erlebe, dass jemand etwas gegen unsere Moschee hat.“

Die Aufzeichnungen des Anschlags durch die Überwachungskameras, diesen „schlechten Film“ in pixeligem Schwarz-Weiß, kennen inzwischen fast alle. „Aus unserer Gemeinde kommt der Mann nicht“, ist sich Levent Celik vom Vorstand sicher. Warum gibt es eigentlich die sechs Kameras? „Die haben wir erst vor drei Jahren angeschafft“, sagt Celik. „Nachdem jemand aus dem Gebetsraum mal ein Portmonee geklaut hat.“