Gesellschaft Casino pflegt seit 150 Jahren die Geselligkeit

Gediegene Atmosphäre: die Räumlichkeiten der Gesellschaft Casino an der Breddestraße 22.
Gediegene Atmosphäre: die Räumlichkeiten der Gesellschaft Casino an der Breddestraße 22.
Foto: Jürgen Theobald
Was wir bereits wissen
Der Gesellschaft Casino gehört an der Breddestraße ein Haus mit ganz eigenem Charme. Die Mitglieder betreiben hier gepflegte Konversation.

Witten..  Im Eingangsbereich liegt ein rotsamtenes Gästebuch bereit. Vor den Fenster hängen geraffte Gardinen. Wuchtige Stühle und gediegene Ledersessel gruppieren sich um schwere Tische. An den hohen Decken hängen Messingleuchter. Hier scheint die Zeit in den 60er bis 70er Jahren stehen geblieben zu sein. So also sieht es im Inneren des Gebäudes der Gesellschaft Casino an der Breddestraße 22 aus, an dem täglich viele Wittener vorbeilaufen. „Doch kaum einer kennt uns“, sagt Vorsitzender Dr. Gert Buhren bedauernd.

Dabei existiert die Gesellschaft schon seit 150 Jahren. „Es gab damals wenig Abwechslung für die gehobene Mittelschicht“, erklärt der ehemalige Stadtdirektor und FEZ-Geschäftsführer. In Wirtshäuser ging man nicht, die Salons waren den Frauen vorbehalten. „Die Männer hatten außerhalb des eigenen Zuhauses keinen Ort, wo sie sich treffen und austauschen konnten.“ Kaufleute, Unternehmer, Ärzte, Anwälte – noch heute sind es vorwiegend diese Berufsgruppen, aus denen sich die Mitglieder rekrutieren. Wer jetzt an die bekannten Serviceclubs wie Rotarier oder Lions denkt, die hier zwar tagen, der liegt trotzdem falsch.

Inzwischen gehören auch Frauen dazu

„Wir spenden nichts, außer für uns selbst“, sagt Buhren, der mit 70 Jahren einer der Jüngsten ist. Die rund 40 Mitglieder – in Glanzzeiten waren es auch mal 150, inzwischen gehören auch Frauen dazu – stemmen die Unterhaltung des Hauses aus dem eigenen Portemonnaie. Mittlerweile sei das ein Problem. „Diese Kosten erdrücken uns.“ Rücklagen gebe es keine. Wenn die Heizung mal ausfalle oder das Dach gedeckt werden müsse – solche unvorhersehbaren Ausgaben sind „wie ein Damoklesschwert, das über uns hängt“. Außerdem bezahlt die Gesellschaft den so genannten Kastellan, in diesem Fall Andreas Riße, der sich als eine Art Hausmeister und Betreuer zudem um die Restauration kümmert – nicht hauptberuflich, sondern im Nebenjob. Auch Nichtmitglieder können übrigens die Räumlichkeiten in den beiden Etagen für ihren runden Geburtstag oder die Goldene Hochzeit mieten.

Ungewöhnliches Beitrittsritual

Dass es schwierig ist, an jüngere Mitglieder zu kommen, mag nicht nur am Retro-Charme der Innenarchitektur liegen. „Wir fragen uns selbst oft, ob unsere Gesellschaft noch zeitgemäß ist“, so Buhren, der seit etwa zwölf Jahren dabei ist. Viele würden vermutlich schon durch das Beitrittsritual abgeschreckt: Zwei Bürgen schlagen jemanden vor, dessen Name dann ausgehängt und beim wöchentlichen Herrenstammtisch „ausgekugelt“ wird. Schwarze und weiße Kugeln werden in einen Topf gelegt, überwiegen die weißen, ist das neue Mitglied aufgenommen. Die Gesellschaft hält daran fest, „weil es eben noch so in der alten Satzung steht“. Buhren: „Wir sind alle in einem Alter, da verändert man ungern was.“ Immerhin werden die Protokolle der Sitzungen nicht mehr verlesen, sondern per Email verschickt.

Dennoch muss es da etwas geben, was die Mitglieder bei der Stange hält. Was sich etwas angestaubt die „Pflege der Geselligkeit“ nennt, ist in der Tat nichts anderes als die Pflege sozialer Kontakte. „Es gibt gemeinsame Essen. Wir hören Vorträge und machen Ausflüge“, zählt der Vorsitzende auf. Seit drei Jahren holt er Kunstausstellungen ins Haus, aktuell zieren Bilder von Lutz Quambusch die Wände. Bier spielt übrigens keine Rolle, die Herren bevorzugen Wein, den sie höchstselbst in der Pfalz einkaufen.

Was Besucher übrigens im ganzen Haus der Gesellschaft Casino vergeblich suchen: Spielautomaten oder Roulette-Tische. „Sie glauben gar nicht“, schmunzelt Buhren, „wie oft Leute schon bei uns angeschellt haben, weil sie dachten, hier wäre eine Spielhalle“.

Jubiläumsfeier und Historie

Die Gesellschaft Casino feiert am Sonntag, 6. November, ihren 150. Geburtstag in den Räumen an der Breddestraße 22. Um 11 Uhr beginnt eine Matinee, zu der alle eingeladen sind, die je etwas mit der Gesellschaft zu tun hatten. Prof. Dr. Heinrich Schoppmeyer wird den Festvortrag zum Thema „Die Geschichte der Gesellschaft Casino“ halten.

Die Gesellschaft – ähnliche gibt es auch in anderen Städten der Region – wurde 1864 gegründet. 1866 wurden ihr durch das preußische Ministerium des Inneren im Auftrage des damaligen Königs von Preußen die Kooperationsrechte erteilt. Die historischen Wurzeln reichen jedoch bis in die Jahre um 1848 zurück. Damals gab es bereits mit der „Wittener Ressourcen-Gesellschaft (1850), der Gesellschaft Bürgerverein (1851), der Gesellschaft „Erholung“ (1855) und der Wittener Gesellschaft Harmonie (1857) vergleichbare Vereinigungen des Bürgertums.

Das erste Haus der Gesellschaft war 1866 an der Ecke der heutigen Heilen- und Casinostraße unweit des Rathauses erbaut worden. 1869 wurde deshalb die heutige Casino-straße nach der Gesellschaft benannt. Bis zu seiner Zerstörung am Ende des zweiten Weltkriegs gehörte dieses Haus zu den Blickpunkten der Stadt. 1953 kaufte die Gesellschaft Casino ihr heutiges Grundstück an der Breddestraße.