Für den Wittener „Hase“ Heemann ist Laufen Lebenselixier

Viele Wittener kennen ihn als „Hase“ Heemann: Bert Heemann im Jahr 2009 vor seinem Getränkebahnhof, der Kultstatus genoss. Foto: Udo Kreikenbohm
Viele Wittener kennen ihn als „Hase“ Heemann: Bert Heemann im Jahr 2009 vor seinem Getränkebahnhof, der Kultstatus genoss. Foto: Udo Kreikenbohm
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Was wir bereits wissen
Obwohl Bert „Hase“ Heemann als Kind Asthma hatte, kämpfte er sich sportlich durch, lief bis nach Beauvais. Und sein Getränkebahnhof hatte Kultstatus

Witten.. Eine Stadt hat viele Gesichter. Aber nur wenige, die man sofort vor Augen hat, wenn man an diese Stadt denkt. Bert „Hase“ Heemann ist so jemand.

25 Jahre lang kam man zwangsläufig an seinem Getränkehandel vorbei, wenn man zum Hauptbahnhof ging. Als das Gebäude verkauft wurde und er seinen Laden schließen musste, fiel er erstmal in ein tiefes Loch. Aber Bert Heemann wäre nicht als „Hase“ bekannt, wenn er nicht schnell daraus gehüpft wäre.

„Ich wurde exmatrikuliert, weil ich nicht ins Konzept passte“, ärgert sich Heemann. „Und dass sich die Stadt nicht um mich gekümmert hat, macht mich immer noch stinksauer.“ Die Bahn habe ihm das Gebäude, in dem sein Getränkehandel seit 1985 zuhause war, für einen wie er sagt hohen Preis angeboten. „Ich hätte es gern gekauft, wenn ich es gekonnt hätte“, so Heemann. Aber er wisse, dass es viel weniger wert sei. Und so war er nach einem Vierteljahrhundert viel früher als geplant im Ruhestand.

Doch Ruhe und Stehen sind zwei Worte, die so überhaupt nicht zu dem gebürtigen Lengericher passen. Das fing schon früh an trotz schwieriger Voraussetzungen, denn Bert Heemann hatte bereits als Kind Asthma. Als er sechs Jahre alt war, bekam sein Vater eine Stelle am Wittener Mädchen-Gymnasium, die Familie zog zunächst in die Husemannstraße, später dann in die Nachtigallstraße. Heemann besuchte die Bruchschule („Da hatten wir Henkelmänner und die Wahl zwischen Milch- und Kakaosuppe“), dann die Bach- und schließlich die Brenschenschule. Er versuchte sich am Gymnasium, musste aber kapitulieren, weil er wegen seiner Krankheit so oft fehlte.

Sein Vater sollte noch erleben, dass aus ihm was wird

Also machte er eine Lehre im Gussstahlwerk und arbeitete vier Jahre dort. Er begann mit der Abendrealschule, studierte dann Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Dortmund. „Dann habe ich es mir in den Kopf gesetzt, Jurist zu werden“, erinnert sich der 72-Jährige. Also studierte er Jura, zwölf Semester lang. Dabei wollte er sich selbst finanzieren, scheiterte aber an der Doppelbelastung. Als dann seine Mama starb, kam der Wendepunkt: „Ich wollte unbedingt, dass mein Vater erlebt, dass aus mir was wird.“

Also sprang er ins eiskalte Wasser und eröffnete einen Getränkehandel im Bahnhofsanbau, in dem vorher ein Matratzen- und Möbelladen war: „Dieser Standort hat mich sofort fasziniert“ sagt Heemann. Der Start sei nicht leicht gewesen, aber dank seines besonderen Sortiments („Ich hatte schon damals bayerisches Bier“) und viel, viel Arbeit sei der Laden schnell gut gelaufen. „Die Leute kamen sogar aus Hagen und Dortmund zu mir.“

Apropos kaltes Wasser: Jahrelang macht Heemann als Steuermann seinen Jungs vom Ruder Club Witten im Achter bei nationalen und internationalen Rennen Dampf und trieb sie zu Höchstleistungen an. Und den Spitznamen „Hase“ hat sich Bert Heemann verdient, weil er beim Laufen meistens der schnellste war. Und Asthma? Als sich herausstellte, dass es vor allem von Tierhaaren ausgelöst wird, stand dem Sport nichts mehr entgegen. Heemann startete beim Leichtathletikverein Bommern, dann ging’s beim VfL Witten weiter. Halbmarathon, Marathon – die lange Strecke liegt ihm.

600 Kilometer in achteinhalb Tagen gelaufen

Sein Meisterstück lieferte er 1985 ab, als er von Witten in die französische Partnerstadt Beauvais lief: 600 Kilometer in achteinhalb Tagen. Jeden Morgen um acht Uhr war er auf der Strecke, nachts schlief er in Herbergen. „In Beauvais wurde ich toll empfangen, der Bürgermeister umarmte mich und sagte auf Deutsch ‚Du darfst zu mich Walter sagen‘‘, erinnert sich Heemann gerne.

Laufen ist seine Leidenschaft: Als er mit seiner Frau in Griechenland urlaubte, las er eine Ankündigung des Athener Marathons. Also stieg Heemann in den Flieger, lief mal eben von Marathon nach Athen und flog wieder zurück nach Kreta. Ganz ähnlich lief es in New York, ein Geschenk seiner Liebsten: Er lief völlig unvorbereitet mit, ließ sich von der grandiosen Stimmung tragen und querte als etwa 16 000. von über 30 000 Läufern die Ziellinie. Bewegung ist und bleibt „Hase“ Heemanns Philosophie: „Wer rastet, der rostet.“

Seit seiner unfreiwilligen Pensionierung konzentriert sich Bert Heemann auf seinen „wunderschönen Garten“, erzählt er. Gerade bei Vollmond sei es unglaublich romantisch, dort draußen zu sitzen. Das Haus seiner Eltern hat er übernommen, „ich konnte es nicht übers Herz bringen, es zu verkaufen“. Und natürlich läuft er weiter regelmäßig durchs Muttental: „Das macht den Kopf frei“.