Flucht durch den Fußgängertunnel

Lotti Meinert (89) vor ihrem Haus in der Meesmannstraße. Das Haus lag in den letzten Kriegstagen in der Schusslinie, bekam mehrere Treffer ab.Foto:
Lotti Meinert (89) vor ihrem Haus in der Meesmannstraße. Das Haus lag in den letzten Kriegstagen in der Schusslinie, bekam mehrere Treffer ab.Foto:
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Was wir bereits wissen
Als 19-Jährige erlebte Lotti Meinert Einzug der Amerikaner in Herbede. Dabei lief sie um ihr Leben. Sie kochte für Kriegsgefangene und Flüchtlinge.

Witten..  Es war ungewöhnlich still „im Dorf“. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten wie immer. Aber – besonders in der Nacht – hörte man dieses dumpfe Dröhnen. Vater sagte: „Das ist Kanonendonner.“ Das machte uns schon Angst. Wenn Strom da war, hockten die Männer bei uns in der Küche vor dem Volksempfänger. Wir schnappten schon mal Worte auf wie „Remagen“ oder „Brückenkopf“.

Da kam ein Bote vom Rathaus (gemeint ist das Rathaus der bis 1975 selbstständigen Stadt Herbede, d. Red.) mit einem Schreiben: Wenn überhaupt Ware da war, sollte das Lebensmittelgeschäft meiner Eltern nur morgens von sechs bis acht Uhr öffnen, da Menschenansammlungen wegen der Tiefflieger vermieden werden sollten.

Ich war 19 Jahre alt, als DRK-Helferin ausgebildet und sollte nun in der Küchenbaracke bei Dittmann & Neuhaus – heute Luhn und Pulvermacher – kochen helfen. Bis dahin wurde dort für Kriegsgefangene gekocht. Aber nun kam ein Flüchtlingsstrom aus dem Rheinland. Oft hatten sie nur das, was sie am Leibe trugen. Um alle zu versorgen, haben wir in drei Schichten gearbeitet.

Am zweiten Tag auf dem Weg dorthin sahen wir wieder zwei Aufklärer in der Luft. Ob sie uns wohl entdeckt hatten? Sie flogen eine kurze Schleife, und dann ging es los: ratatatatat! Zwei Frauen aus unser Gruppe warfen sich am Rathaus hinter eine Mauer.

Wir waren auf der anderen Straßenseite. Dort stand eine alte, große Scheune. An der Seite zur Straße wuchsen üppige Rotdornbäume. Darunter haben wir uns versteckt. Das war kein Spaß mehr, kein Bangemachen.

Als die Flieger zur nächsten Schleife ansetzten, sind wir nur noch weggerannt. Erst durch den Tunnel von der Bahn, der auch zum Luftschutzbunker ausgebaut war. Dann durch das Werk – was eigentlich verboten war – dann über den Feldweg bin in die Baracke.

Nach einiger Zeit wollte eine Köchin wissen, was mit meinem weißen Kniestumpf passiert sei. Die Strümpfe waren aus Zuckersäcken gestrickt und kratzten furchtbar. Aber das meinte sie nicht. In dem Schrecken hatte ich nichts gemerkt. Ich blutete an der Wade. Ich hatte wohl einen guten Schutzengel. Es war nur ein derber Kratzer.

An dem Tag hörten wir, dass auf dem Kalwes in Querenburg schon Panzer stünden. Über die Ruhrbrücke konnten sie nicht kommen, die war von zurückweichenden Soldaten gesprengt worden. Direkt gegenüber von Haus Herbede war ein großes Loch.

Weiße Laken aus dem Fenster gehängt

Aber die Aufklärer hatten wohl entdeckt, dass auf der Ruhrhöhe zwischen Herbede und Vormholz zwei Bunker und eine Flakstellung waren. Denn plötzlich kamen Panzergranaten aus Richtung Querenburg nach Herbede. Mein Elternhaus und zwei Nachbarhäuser lagen genau in der Spur zur Ruhrhöhe. Jede zu kurz abgeschossene Granate landete bei uns.

Die erste Granate landete unter der Mauer zum Nachbargrundstück, die Mauer kippte gleich um. Die zweite traf die Garage. Die dritte ging ins „Herzhäuschen“ – und so ging es weiter. Schließlich waren es elf Stück.

Zwei Tage später kamen die Panzer über Bommern nach Herbede. Wir waren aufgefordert worden, weiße Fahnen oder Laken aus dem Fenster zu hängen. Die Soldaten waren friedlich. Auf dem ersten Panzer war ein deutscher Soldat aus Herbede, den jeder kannte. Die Amerikaner setzten ihn als „menschlichen Schutzschild“ ein – sie wussten, dass die Deutschen nie auf ihn geschossen hätten.

Der deutsche Soldat hatte ein paar Tage Urlaub, weil sein Vater durch Bombensplitter gefallen war. Man hatte ihn im Hausgarten beerdigt und erst nach Kriegsende umgebettet.

Amerikaner zogen am 16. April 1945 in Herbede ein

Am 15. April 1945 rollten amerikanische Panzer nach Bommern, die zuvor den Ruhrübergang in Wetter genutzt hatten. Die Reste der deutschen Verteidiger zogen sich nach Sprockhövel zurück. Herbede wurde am 16. April 1945 besetzt und befreit.


Bei dem am 13. April 1945 von Deutschen gesprengten Teil der Herbeder Brücke handelte es sich nicht um die Omega-Brücke, sondern um ein Brückenstück bei Haus Herbede. Außerdem stürzte am 13. Januar 1947 der Brückenbogen über die Ruhr ein.


Autorin Lotti Meinert , Jahrgang 1925, geb. Albert, wurde im Haus Meesmannstraße 27 geboren und lebt dort heute noch. Ihre Eltern hatten ein Feinkostgeschäft, sie selbst betrieb 40 Jahre die Heißmangel im Hof. Erbaut wurde das Haus 1714.