Fernsehstar erklärt Wittenern das russische Trauma

Der Vortrag von Fernssehjournalist Thomas Roth beim Sparkassen-Gesprächsforum am Dienstagabend (10.2.) im Saalbau hatte eine ungeahnte Aktualität bekommen.
Der Vortrag von Fernssehjournalist Thomas Roth beim Sparkassen-Gesprächsforum am Dienstagabend (10.2.) im Saalbau hatte eine ungeahnte Aktualität bekommen.
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Was wir bereits wissen
Tagesthemen-Moderator Thomas Roth nahm sich beim 38. Gesprächsforum der Sparkasse anderhalb Stunden Zeit, über Ukraine und Russlandkrise zu reden.

Witten..  Sonst hat der arme Mann ja nur „50 Sekunden“ für eine Anmoderation. Drum nutzte er diesmal die Gelegenheit, länger zu sprechen, viel länger. Der Tagesthemen-Moderator und ehemalige ARD-Korrespondent in Moskau, Thomas Roth, erklärte den über 700 Zuhörern beim 38. Sparkassen-Gesprächsforum in fast anderthalb Stunden, was es mit der Krise in der Ukraine auf sich hat.

Man dachte ja, der 63-Jährige macht Spaß, als er ans Mikro tritt, auf seinen Haufen Zettel zeigt und dem Publikum droht, „das müssen wir jetzt durcharbeiten“. Wer hätte gedacht, dass es tatsächlich so kommen würde? Selbst eine Erkältung konnte den bekannten Fernsehjournalisten mit der grauen Mähne nicht stoppen. Und den „Whiskey aus Witten“, den ihm Sparkassenchef Ulrich Heinemann überreicht („Kann man auch mit gurgeln“), den gab es ja ohnehin erst zum Schluss.

Nah dran, als sich sich Jelzin auf einen Panzer stellte

Es waren 90 lange, aber sehr informative Minuten, in denen Roth vielleicht etwas zu oft seine „russischen Freunde“ erwähnte, es hatte manchmal einen Hauch von Prahlerei, wenn er von seinen Reisen in diesem „faszinierenden Land“ berichtete oder schilderte, wie hautnah er dran war, als sich Jelzin in den Neunzigern auf einen Panzer stellte und Weltgeschichte schrieb. Aber sei’s drum. Roth erzählte viel, letztlich aber wohl nur, um deutlich zu machen, wie sich jene „25 Millionen Russen“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gefühlt haben, „die plötzlich in einem fremden Land aufwachten“.

Damit war er bei Ländern wie der Ukraine, für die mit der Gründung der GUS-Staaten in den Neunzigern die Stunde der Freiheit schlug. Aber es gab eben auch viele, Russen, für die der Zerfall des Riesenreichs das viel beschworene „russische Trauma“ war, eine „geopolitische Katastrophe“, wie es Putin genannt habe. So erklärt Roth, was heute den russischen Präsidenten und die Separatisten reitet, wenn sie Grenzen verletzen und damit Völkerrecht brechen. Dabei kämen sie auch mit dem kaum diskutierbaren Argument der Religion – so heilig wie der Tempelberg für Jerusalem sei, sei die Krim für Russland. Was nicht stimme, so Roth.

„Putin führt Land in beispiellose Isolation“

Er erklärt das russische Trauma, hat aber selbst eine klare Haltung zu den Dingen. So eng die Ukraine historisch, wirtschaftlich mit Russland verbunden ist, nun sei sie „unabhängig. Punkt“. Roth: „Wir können in Europa nur leben, wenn wir die Unverletzlichkeit der Grenzen akzeptieren.“ Russland, daran lässt er keinen Zweifel, gehöre zu Europa. Schon Peter der Große, der Zar, habe sich Richtung Westen orientiert. Putin, warnt er, führe das Land in eine beispiellose Isolation, was das eigentliche Drama sei. Doch auch Russland brauche Europa, nicht zuletzt wirtschaftlich. Die Abhängigkeit von Rohstoffen, auch Putin habe dieses Problem nie gelöst.

Roths Fazit: Die Strategie der Kanzlerin, der EU ist die richtige: Deeskalation, keine Waffenlieferungen, aber Sanktionen, weil Europa zu seinen Werten stehen müsse. Doch am Ende dieser „gefährlichen Krise“ müsse man die Menschen wieder mit offenen Armen aufnehmen. Frieden in Europa gebe es nur mit Russland und umgekehrt.

Der Applaus am Ende ist lang, was wohl auch der Freude geschuldet ist, nun endlich an die Theke und ans Saalbau-Büfett zu dürfen. Zum Glück gibt’s Grünkohl, sagt Sparkassen-Vorstand Ulrich Heinemann. der halte sich länger.