Esel Stucki isst seine letzte Stockumer Möhre.

Esel Stucki aus Stockum musste am 27.Mai umziehen und seine Weide an der Mühlenstraße verlassen. Die FamilieDöring nahm schweren Herzens Abschied, v.l. Julius 10, Sandra 45, Bärbel 72, Jonas 13, Yara 19 und Adof 74 Döring.
Esel Stucki aus Stockum musste am 27.Mai umziehen und seine Weide an der Mühlenstraße verlassen. Die FamilieDöring nahm schweren Herzens Abschied, v.l. Julius 10, Sandra 45, Bärbel 72, Jonas 13, Yara 19 und Adof 74 Döring.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Montag rollen die Bagger an: Das Regenrückhaltebecken an der Mühlenstraße wird neu gebaut. Der Esel, der 19 Jahre an dessen Ufer weidete, muss darum umziehen – am Mittwoch verließ er Stockum, für immer

Witten..  „Ich hab’ mein Taschentuch griffbereit“, sagt Adolf Döring. Aber fürs Tränen trocknen hatte er gar keine Hand frei: Er musste ziehen, schieben, mit Leckerli locken, um ein Huftier in einen Pferdeanhänger zu bugsieren. Am Mittwochverließ Stucki, Stockums berühmter Esel, den Stadtteil – wohl für immer.

Über das Schicksal der Eseldame hatten wir im März berichtet: Die Emschergenossenschaft baut zwischen Mühlenstraße und Am Katteloh um, unterirdisch wird hier in neuen, größeren Kanälen Schmutz und Regenwasser getrennt. Oben auf der Wiese weiden seit Jahrzehnten die Esel der Familie Döring. Seit 19 Jahren ist dies die Stute Stucki, die so heißt, weil sie aus Stukenbrock stammt. Wenn am Montag die Bagger anrollen, ist sie im Weg. Ein neues Zuhause muss her.

Nach unserem Bericht gab es ein großes Echo: dass Stucki gehen wird, schockte die Stockumer. Viele wollten den Esel aufnehmen, boten ihren Vorgarten an. Auch eine Obstwiese wurde angepriesen, „aber wir wissen doch, was unsere Stucki frisst“, sagt Bärbel Döring (72). Selbst zwei Fernsehsender filmten die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Mann und Tier, denn die Eseldame ist treuer als ein Hund. Sie reagiert auf Pfiff, kommt, sobald ihr Herrchen um die Ecke linst und begrüßt ihn mit „ia“. Oft gehen sie gemeinsam im Wald spazieren. Ohne Leine, Stucki trottet einfach mit.

Des Esels neue Heimat wird nun Wetter sein. Seinen Lebensabend wird er auf einem Hof verbringen, auf dem verschiedene alte Tiere leben, wie ein einstiges Zirkuspony oder ein Zwergesel. Sehr nette Leute seien das, die viel Ahnung von Tieren hätten, trösten sich die Dörings. Für den Neuzugang wurde alles hergerichtet. Die Dörings wollen die Eselin regelmäßig besuchen. Stockumer können auch gern weiterhin Brot abgeben. „Das nehm’ ich dann mit“, so der 74-Jährige.

Ein wenig kritisch sehen die beiden Rentner die neue Gemeinsamkeit: Denn Schnucki-Stucki blieb bislang lieber allein, vergraulte vier Hengste mit Huftritten. Noch fehlt ein Unterstand auf der Weide. „Sobald es nieselt, braucht Stucki ihren Stall.“ Aber vielleicht, klappt es ja.

Vor der Abfahrt im Pferdeanhänger, den Bauer Düren seinen Nachbarn lieh, sagen die Dörings mitsamt Tochter, Schwiegertochter, Enkeln Lebwohl. Auch Karola Bergmann kommt vorbeispaziert, im Bollerwagen ihren zweijährigen Enkel Lukas. „Ich bin schon mit meinen Kindern immer zum Esel spaziert“, erzählt sie. „Und das ist 40 Jahre her.“ Als fünffache Oma ist sie Stammgast am Zaun. Das heißt, sie war es. Denn Lukas gab Stucki nun zum letzten Mal eine Möhre.

Es kommt der Moment der Wahrheit, und dafür braucht’s ein Fladenbrot. Der Esel schnuppert und setzt sich in Bewegung – bis zur Kante des aufgeklappten Hängers. Die Kinder ziehen, halten das Brot vor die Samtnase. Braucht es Möhren? Bärbel Döring holt welche. Und einen Schubs? Adolf Döring schiebt, zack, ist der Esel drin.

Ob Stucki je zurückkommen wird, ist fraglich. Laut Emschergenossenschaft dürfte er das. Doch dann zählt Adolf Döring 76 Jahre, müsste Zaun und Stall neu bauen. „Und wenn sich Stucki dort erst mal eingelebt hat“, Bärbel Döring setzt den Satz lieber nicht fort. Ihr Mann gibt die Hoffnung nicht auf: „Wenn der Umbau schneller geht, hol’ ich sie wieder zurück!“ Er selbst fährt den Hänger davon – zurück bleibt Stuckis leere Weide.