Erste Hilfe-Kurs für Gehörlose in Witten

Gebärdendolmetscherin Svenja Lange (l.) übersetzte beim Kurs des Arbeiter Samariter Bundes die Hinweise von Ausbildungsleiter Mirko Klemm (rotes Hemd). Hier wird die Stabile Seitenlage geübt.
Gebärdendolmetscherin Svenja Lange (l.) übersetzte beim Kurs des Arbeiter Samariter Bundes die Hinweise von Ausbildungsleiter Mirko Klemm (rotes Hemd). Hier wird die Stabile Seitenlage geübt.
Foto: DS
Was wir bereits wissen
Erstmals einen Erste Hilfe-Kursus für Gehörlose bot jetzt der Arbeiter Samariter Bund an. Der nächste ist in Planung. Doch werden Spender gesucht.

Witten..  Den rechten Arm über den Kopf legen, das Bein anwinkeln und die Person herüber rollen: Bei einem Unfall einen Verletzten in die Stabile Seitenlage zu bugsieren, ist gar nicht so einfach. Besonders für Mario Fuhrmann und die anderen Teilnehmer des Erste-Hilfe-Kurses des Arbeiter Samariter Bundes.

Dass seine Teilnehmer ihn bei seinem Vortrag nicht anschauen, passiert ASB-Ausbildungsleiter Mirko Klemm wahrscheinlich nicht sehr oft. Alle blicken nur Richtung Tina Tegethoff, die rechts neben ihm steht und gestikuliert. Bei diesem speziellen Erste-Hilfe-Kurs sind die Schüler gehörlos - eine von zwei Gebärdendolmetscherinnen übersetzt jedes Wort simultan, also gleichzeitig, Wort für Wort.

Immer wieder drehen und wenden sich die Hände von Tina Tegethoff und Kollegin Svenja Lange, ihre Mimik unterstützt das Gesprochene. Wenn es um Müdigkeit geht, fallen die Augen zusammen, wenn Mirko Klemm von Hitze spricht, geht der Brustkorb hoch und die Augen weit auf. Stephan Erstfeld ist es wichtig, viel zu lernen: „Wenn ein Unfall passiert, muss man helfen - egal, ob gehörlos oder nicht.“ Ob er Bedenken habe, ob man ihn versteht? „Das muss man dann ausprobieren“, meint der 52-Jährige. Aber einfach dürfte es nicht werden: „Die Kommunikation ist ein Problem. Mit Ärzten kann man sich oft nur mit Zettel und Papier austauschen“, berichtet er, übersetzt von Tina Tegethoff.

Ein Arbeitskollge fiel vom Gerüst und brauchte Hilfe

Gerade geht es darum, wie man einen Verletzten bei einem Unfall aus der Gefahrenzone zieht: nämlich hinter die Arme greifen. „Und was ist, wenn derjenige nur einen oder keine Arme hat?“, will ein Mann wissen. In diesen Situationen zeigt sich die Besonderheit von einem Gehörlosen-Kurs: Eine Frau gestikuliert: Ich versteht nichts. Ein Mann stupst den Fragenden Herren an und zeigt nach oben: Bitte aufstehen. Ohne dessen Gesten zu sehen, „hören“ die anderen nämlich nichts. Immer wieder kommen Fragen auf. Da müssen Tina Tegethoff und Svenja Lange aufpassen, alles zu verstehen.

Eine von vielen Fragen: Wie sollen wir das denn als Gehörlose machen? Zum Beispiel den Notarzt anrufen. „Notruf können wir Gehörlose nicht“, meint ein Teilnehmer. Es gebe da schon Möglichkeiten, zum Beispiel per App oder SMS, erklärt Ausbilder Mirko Klemm. Aber das sei noch keine Technik, die sich flächendeckend durchgesetzt hat. Es zeigt: Als Gehörloser an einem Erste-Hilfe-Kurs teilzunehmen, ist wichtig. Aber auf manches Problem hat der beste Kurs keine Antwort.

Doch das schreckt hier niemanden ab. Tenor: Wenn etwas passiert, müssen wir es irgendwie regeln. Mario Fuhrmann ist der einzige Teilnehmer aus Witten. Er arbeitet als Maler auf vielen Baustellen. „Da kann immer was passieren“, weiß der 43-Jährige. „Ich würde dann gerne helfen können.“ Einmal sei etwa ein Arbeitskollege von einem Gerüst gefallen. „Da war der Rücken kaputt.“

Über Warnblinker, Warndreieck und Warnweste, Atemnot (beruhigen und enge Kleidung abnehmen) und Bewusstlosigkeit (Kopf nach hinten und Kinn anheben) haben Mario Fuhrmann heute schon viel gelernt. Nun geht’s an die „Königsdisziplin“: die Stabile Seitenlage. Nach und nach legt sich einer auf die Matte, der andere legt Hand an. Viele scherzen miteinander, man kennt sich zum Teil schon länger. „Du bist zu schwer“, witzelt ein Mann über einen kräftigen Herren. Am Ende schafft er es doch relativ leicht, ihn auf die Seite zu drehen. Spätestens jetzt ist allen klar: Ob gehörlos oder nicht - gewusst wie, kann jeder etwas bewegen. Und damit Leben retten.

Weitere Kurse sind in Planung - aber es werden noch Spender gesucht

Der Erste-Hilfe-Kurs für Gehörlose war der erste seiner Art beim ASB. Ein weiterer ist in Planung, erste Teilnehmer haben sich schon angemeldet. Noch fehlen aber Spender, um die Gebärdendolmetscher zu finanzieren.

Die Teilnahmegebühr beträgt 35 Euro. Am Ende erhalten alle Teilnehmer ein Zertifikat. Wer am nächsten Kurs teilnehmen oder spenden möchte, kann sich beim ASB melden: 910 880 oder schaefer@asb-en.de