Er übt im Wittener Saalbau Kritik mit Witz und Charme

Hagen Rether in Aktion.
Hagen Rether in Aktion.
Was wir bereits wissen
Hagen Rether legt die Finger in die Wunden der Gesellschaft. Stundenlang spricht er im ausverkauften Saalbau – auch über die Anschläge von Paris.

Witten..  „Na, wie ist die Freiheit?“ Hagen Rether redet gar nicht erst drumrum. Der Kabarettist will seinem Publikum zeigen, was es ändern kann. Wie es sie besser nutzen kann, die Freiheit. Denn: „Man merkt sie immer nicht, wenn man sie hat.“

„Liebe“, so lautet stets der Titel seiner Gastspiele. „Liebe V“ ist es mittlerweile. Nur um die Liebe geht es dabei nicht. Aber das dürften viele seiner Fans, die zum ausverkauften Saalbauauftritt kamen, längst geahnt haben. Wer Romantik oder Beziehungskisten-Witze suchen würde, wäre hier fehl am Platz. Denn Hagen Rether sucht Themen, die wehtun und legt beide Hände in die Wunden der Gesellschaft: mal sanfter, mal mit hartem Griff. Ähnlich dem Anschlag der Tasten des Konzertflügels, der je nach Laune oder auf Wunsch des Publikums zum Einsatz kommt.

Dann stellt Rether unter Beweis, dass er als Pianist ausgebildet wurde und die Folkwang Universität in Essen besuchte. Oder lässt einfach minutenlang die immer gleiche Tonfolge erklingen, zu der er gebetsmühlenartig die Worte „Die Kühlkette darf nicht abbrechen“ wiederholt. Bis seinem Publikum der Geduldsfaden reißt. „Dafür habe ich nicht gezahlt“, schreit jemand auf den oberen Rängen. Aber wofür dann?

Mit Anzug und weißen Strümpfen

Über drei Stunden dauert das Programm. Und der Kabarettist, der sich in Anzug und weißen Stützstrümpfen auf seinem Schreibtischstuhl fläzt, wirkt unberechenbar. Hier könnte alles passieren – oder nichts. Ganz sicher aber wird Rether einige gesellschaftliche Kernthemen ansprechen. Da wäre zum Beispiel die „wahnsinnige Grundaggression im Land“, die er darauf zurückführt, dass die Schule zu viel Druck ausübe, 17-Jährige heute bereits Abitur machen und 60-Jährige schon wieder in Rente gingen und dann die letzten 30 Jahre ihres Lebens „mit Stöcken durch den Wald laufen“ oder Zettel an Autos pinnen: „Voll scheiße geparkt!“

Auch die Anschläge von Paris lässt Rether nicht außen vor. Verlogen sei es, dass alle plötzlich „Je suis Charlie“ schreien — auch auf Seiten der Politik: „Wir unterstützen dauernd irgendwelche Diktatoren. Wir können jetzt nicht Angst vor Enthauptungen haben und denen da unten neue Säbel liefern.“ Mit Galgenhumor kommentiert er die Pläne der Rechten: „Todesstrafe für Selbstmordattentäter?! Wie wäre es mit: 1000 Peitschenhiebe für Masochisten? Oder: Kirchenverbot für Atheisten?“

Aber Rether erhebt seinen Zeigefinger meist mit Charme. Er hält seinem Publikum den Spiegel vor und gibt ihm vieles zum Nachdenken mit auf den Nachhauseweg. „Nutzt eure Freiheit.“