Eine schöne Bescherung zu Heiligabend 1946

Das Bild aus einem alten Kalender zeigt links die Straßenbahn an der Haltestelle „Bommern Denkmal“ – vor dem "Beckerschen Saal". Das andere Foto zeigt die
Das Bild aus einem alten Kalender zeigt links die Straßenbahn an der Haltestelle „Bommern Denkmal“ – vor dem "Beckerschen Saal". Das andere Foto zeigt die
Foto: Heimat- und Geschichtsverein Bommern
Was wir bereits wissen
Elfjähriger Junge aus Bommern wurde 1946 nach Witten geschickt, um einen Tannenbaum zu holen. Heiligabend gab’s einen Riesenknall.

Witten..  Kalt war’s – bitter kalt! Dieser Eindruck beherrscht die fröstelnde Erinnerung an jenes Weihnachtsfest gut ein Jahr nach dem Ende des großen Krieges. So habe ich als „alter Bommeraner“ den Heiligabend vor 68 Jahren im Gedächtnis bewahrt.

„Meine Güte, wir haben noch keinen Weihnachtsbaum!“ Das war der Schreckensruf, den Mutter so gegen Mittag ausstieß. Den Vormittag hatten wir mit Vorbereitungen im Haus verbracht – eingepackt in dicke Jacken und Mäntel, soweit vorhanden – teilweise im Care-Paket von den entfernten Verwandten im ebenso entfernten Amerika herübergeschickt.

Zwischendurch hatten wir uns zusätzlich an dem kleinen Bullerofen in der Diele aufgewärmt – das einzige „Heizaggregat“, das trotz der lausigen Kälte den Tag über in Betrieb war, um die knappe Kohle zu sparen. Was also tun? Schon Mittag und noch immer kein Weihnachtsbaum!

Ein kleines Abenteuer wurde sie dann für mich: die dann folgende Weihnachtsbaumbeschaffungsaktion. Mit elf Jahren der Älteste von fünf Geschwistern wurde ich Hals über Kopf in Marsch gesetzt, ausgestattet mit 2,10 D-Mark für Baum und Straßenbahn – zwei Mark für den Baum und zehn Pfennig für die Bahnfahrt.

Ein bitterkalter Winter

Also: raus in die Kälte! Vor der Haustür lag ein großer schwarzer Berg – Lokomotivtender-Schlacke. Mein Vater hatte einen ganzen Eisenbahnwaggon davon vom Bahnhof ankarren lassen; jeder musste täglich ran, um die noch nicht ausgebrannten Koksstücke herauszupicken. Damit konnte dann die Heizung wenigstens teilweise in Gang gesetzt werden, um das unterkühlte Haus ein wenig aufzuwärmen.

Aber jetzt war keine Zeit zum Kokspicken – vorbei am Schlackenberg ging’s zum Bodenborn und in Richtung Stadt.

Die Straßenbahn war gerade weg. Ja, die gute alte Straßenbahn, die damals noch – manchmal mit zwei Anhängern – von Bommern nach Witten fuhr und zurück.

Zu Fuß schaffte ich es schneller in die Stadt als mit der nächsten Bahn. Im Schweinsgalopp eilte ich die baumbesäumte, schmale Allee Bodenborn gen Witten, über die Ruhrbrücke und vorbei an den Trümmergrundstücken der Ruhrstraße. Auch um den Platz vor dem Rathaus beherrschten die Zerstörungen an den Gebäuden das Bild; mitten darauf aber gab es sie noch: Weihnachtbäume!

Schnell gedämpft wurde sie aber, die Freude: Nur „Strünke“ war der erste Eindruck. Dann: Ein Prachtexemplar von Edeltanne darunter versteckt. Kostet? Fünf Mark! Enttäuscht wollte ich den Glücksfund wieder fallen lassen, da ertönte die Ansage: „Ab sofort alle Bäume nur noch eine Mark!“

Ich griff meinen Baum, zahlte und setzte mich ab in Richtung Haltestelle „Am Markt“, ehe die sich das noch einmal anders überlegen.

Baum fuhr auf dem Trittbrett mit

Die Straßenbahn war überfüllt – wie so oft. Für mich Hänfling war noch ein Platz zu kriegen, nicht aber für den Tannenbaum. So musste er denn draußen bleiben, auf dem Trittbrett, wo ich ihn bis Bundes-Verlag Bommern krampfhaft festhielt und schließlich mit erstarrten Fingern unversehrt nach Hause brachte. Endlich war es so weit: der Baum geschmückt im Wohnzimmer, die Geschenke darunter aufgebaut.

Das Glöckchen bimmelte zur Bescherung. Dann: ein ohrenbetäubender Knall! In der Tat eine „schöne Bescherung“. Ein Heizkörper hatte dem Innendruck des gefrorenen Wassers nicht Stand gehalten. Es dauerte schon eine Weile, bis der Schaden notdürftig behoben war. Und die eigentliche Bescherung? Es knallte noch zwei Mal, ehe es endlich so weit war.

Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen . . . Es war menschliches Ungeschick, dass den weiteren Verlauf dieser Weihnachtfeier prägte . Ein Kerzlein brannte zu nahe am Vorhang, und so folgte dem Wasserschaden die Feuersbrunst!

Gott sei Dank konnten Gardinen, Vorhänge und das umgebende Holz zwar mit Mühe, aber rechtzeitig gelöscht werden. Und so wurde es zuletzt doch noch „eine schöne Bescherung“.