Edelgard Bach und Heinz Göbeler hören auf

Edelgard Bach und Heinz Göbeler verlassen ihre Arbeitsplätze bei der Stadt Witten nach über 40 Jahren – um nun mit dem Wohnmobil Europa zu erkunden.
Edelgard Bach und Heinz Göbeler verlassen ihre Arbeitsplätze bei der Stadt Witten nach über 40 Jahren – um nun mit dem Wohnmobil Europa zu erkunden.
Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Edelgard Bach von der Wittener Kulturgemeinde und Heinz Göbeler vom Sozialamt tauschen ihre Arbeitsplätze gegen die Sitze im Wohnmobil.

Witten..  Edelgard Bach war die Frau , die für die Kulturgemeinde Schauspieler, Musiker, Sänger in den Saalbau holte. Ihr Mann Heinz Göbeler war in der Stadtverwaltung der Mann für Soziale, der sich um die Belange behinderter Menschen kümmerte, um die Kriegsgräberfürsorge und das Haus im Park für Drogenabhängige. Sie waren es – denn beide verlassen in dieser Woche die Verwaltung, um sich einen Traum zu erfüllen: Mit ihrem Wohnmobil fahren sie „nach Norden und dann geradeaus“, irgendwann irgendwohin, auf unbestimmte Zeit.

„Wir beide wollen uns von allem lösen und uns neu finden“, sagt Edelgard Bach fröhlich. Beide fühlen sich fit und wollen die Freiheit des Alters mit einem Abenteuer beginnen – nach langem Berufsleben: Sie kündigte nach 45 Jahren, er nutzt nach 43 den Ruhestand.

Die Herbederin Edelgard Bach ging schon mit 14 Jahren in die Lehre zur Maklerin und fing mit 17 Jahren im Bauamt der Stadt Herbede an. „Ich habe in meinem Leben nur eine Bewerbung geschrieben“, sagt die 59-Jährige rückblickend. Und wäre Herbede nicht eingemeindet worden, hätte man sie nicht in der Stadtbücherei „geparkt“, später ins neu gegründete Kulturforum versetzt, dann wäre sie wohl ewig im Bauamt geblieben. „Ich kam zur Kultur wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt sie.

Ihr Start war eher holprig, ist heute aber eine wunderbare Anekdote wert: Für die Wittener Tage neuer Kammermusik“ rief am 1. April, Mitte der 80er Jahre, ein Konzertteilnehmer an, um eine 19-Punkte-Liste zu diktieren: besorgt werden müssten eine alte Schultür, Betonblöcke, ein Autodach, eine Handsirene, eine Kreissäge und so weiter. „Ich bedankte mich lachend für diesen Aprilscherz“, erinnert sich Bach, da kippte am anderen Ende die Stimmung: „Was erlauben Sie sich? In Witten arbeiten nur Idioten! Das brauche ich für meine Sinfonie!“ Edelgard Bach fürchtete um ihre Stelle, besorgte ein Autodach, auf das später künstlerisch wertvoll eingehämmert wurde.

Unzählige Dönekes könnte die Vorsitzende der Kulturgemeinde erzählen. Vom Organisten des Leipziger Gewandhausorchesters, der nur kam, weil Frau Bach nun mal wie Herr Bach hieß. Für Guildo Horn besorgte sie Nussecken. Was gab es noch? Als die Sprinkleranlage den Saalbau unter Wasser setzte und telefonisch den Abokunden abgesagt werden musste. „Hab ich ein Glück“, rief da ein Herr begeistert. „Ich hatte sowieso keine Lust, meine Frau ins Theater zu begleiten.“

Als das rumänische Kammerorchester kam, schoben die Feuerwehrmänner den Flügel mit Schwung in die Musiker rein. Ein anderer Solist weigerte sich, das Saalbau-Instrument überhaupt zu nutzen, so wurde der D-Flügel aus dem Dortmunder Harenberg Center besorgt. Die dreijährige Tochter der Stargeigerin büxte während Mamas Auftritt aus und wurde von der Feuerwehr im Orchestergraben gefunden. Und der russische Solist reparierte den Flügel vor dem Konzert mangels Klavierstimmer selbst. „Wir hatten und haben tolle Leute hier“, sagt Edelgard Bach zufrieden.

Fachbereich: Menschliches Leid

Solch’ Ereignisse, wie sie seine Frau erlebte, konnte Heinz Göbeler in seinen Berufsjahren nicht verbuchen. Tätigkeiten im gehobenen Beamtendienst sind nun mal auch: Rentenanträge schreiben im Versicherungsamt. Organisation im Hauptamt (dazu gehörte auch ein Blick ins Frauenbüro, wo er Edelgard Bach kennen lernte). Seit 1993 arbeitete Heinz-Josef Göbeler dann, übrigens verheiratet, im Sozialamt. Sein Fachbereich: viel menschliches Leid.

Er kümmerte sich um die Unterbringung der Deutschstämmigen aus Osteuropa und um die Belange der Behinderten. Dass der neue Busbahnhof von Seh- oder Gehbehinderten genutzt werden kann, ist sein Werk. 1998 befasste er sich mit der wachsenden Drogenszene im Lutherpark. Dass die einstige Gärtnerunterkunft darin zum „Haus im Park“ umgebaut wurde, genießt in Fachkreisen große Anerkennung. Drei Sozialarbeiter kümmern sich dort um Drogenabhängige, indem sie sterile Spritzen ausgeben und dabei mit so manchem ins Gespräch kommen. Auch heute findet man noch gebrauchte Heroinspritzen. Aber nicht mehr hunderte, wie es zu Zeiten war, als sich rund um Johanniskirche und am Kornmarkt eine offene Szene tummelte. Eine „Verhinderung von Schlimmerem“ nennt der 63-Jährige das „HiP“, dessen Geschäftsführer er war.

Nun ist das Berufsleben passé, das Wohnmobil wird fit gemacht. Zunächst sollen die sieben Länder rund um die Ostsee erkundet werden. Sieht man Sie noch mal? „Mal gucken“, lachen beide: „Wir melden uns irgendwann zurück.“