Die Wittener Bahnhofstraße ist die Wettbüros los

Das verlassene Geschäftslokal, Bahnhofstraße 45.Hier wurde das Wettbüro ohne Genehmigung dieser Nutzung betrieben. Die Stadt stoppte das Geschäft.
Das verlassene Geschäftslokal, Bahnhofstraße 45.Hier wurde das Wettbüro ohne Genehmigung dieser Nutzung betrieben. Die Stadt stoppte das Geschäft.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Stadt Witten hat das letzte per Gerichtsverfahren vertrieben. Es zieht aber nur um und lässt sich in der Villa am Hauptbahnhof nieder.

Witten..  Das letzte von zwischenzeitlich drei Wettbüros an der unteren Bahnhofstraße hat dicht gemacht. Die Fußgängerzone ist damit wettbürofrei. „Aufgrund baurechtlicher Bestimmungen“ habe man die Filiale Bahnhofstraße 45 geschlossen, informiert „Hattrick-Sportwetten“ per Aushang und wünscht seinen Kunden „weiterhin viel Glück“ – am neuen Standort Lessingstraße 4: im Erdgeschoss der alten Villa am Hauptbahnhof.

Geschäftsleute der unteren Bahnhofstraße weinen dem letzten Wettbüro keine Träne nach. „Komische Typen, die mit dicken Autos angefahren kamen, noch dazu mit Kennzeichen aus Nachbarstädten, lungerten da draußen herum,“ wenn Fußballspiele liefen, sagt Optikermeister Marcus Franke (52), Vorstandsmitglied der Standortgemeinschaft. „Dieses Publikum brauchen wir in Witten nicht“, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Der kleine Breddeplatz, Standort der Edelstahlkunst, an dem gerade ein zartes Pflänzchen des Aufbruchs mit neuen Läden wächst, könne darauf gerne verzichten.

Seitdem Witten 2010 mit der höchsten Spielgerätedichte in der Region – unter den Top 4 in NRW – als Zockerparadies in Verruf geriet und Wettbüros wie Pilze aus dem Boden schossen, versuchen Stadt und Politik gegenzusteuern. Der 2011 beschlossene Masterplan Vergnügungsstätten, an dem auch IHK, Polizei und Sucht- und Drogenhilfe mitwirkten, setzt den Rahmen. Ganz verbieten kann Witten weder die einarmigen Banditen, noch die Wettbüros. Das käme einem „Berufsverbot“ gleich, gegen das Betreiber anderswo schon erfolgreich geklagt haben. Außerdem freuen sich die Städte ja über die Einnahmen aus der Gewerbe- und der Vergnügungssteuer.

Witten musste also im Masterplan Prioritäten setzen, welche Bereiche besonders geschützt werden sollen. Über die Bebauungspläne (einer wird in Kürze noch angepasst) sind neue Spielhallen, Wettbüros oder auch Erotikbetriebe in der Ruhr- und fast der ganzen Bahnhofstraße so gut wie ausgeschlossen. Bestehende Betriebe haben Bestandschutz. Das galt aber nicht für das letzte Wettbüro in der Bahnhofstraße 45. Das hatte sich dort „illegal“ angesiedelt, so Rainer Lohmann, Leiter des Bauordnungsamtes. Der Betreiber habe die erforderliche Nutzungsänderung für das Geschäftslokal dort nie beantragt. Die Stadt zog gegen ihn vors Verwaltungericht und gewann: Das Wettbüro musste raus. Am neuen Standort gegenüber dem Bahnhof waren Vergnügungsstätten immer erlaubt - weil: nie ausdrücklich verboten. „Das ist auch ein klassischer Standort dafür“, erläutert Lohmann. Das Bauordnungsamt erteilte die beantragte Genehmigung. Damit hat auch der Wettbürobetreiber sein Geschäft jetzt legalisiert.In der Villa Lessingstraße 4 waren früher einmal das Rotlicht und ein Sexkino zu Hause, danach seit vielen Jahren im Erdgeschoss eine Spielhalle. Man möchte meinen: Auch dieser Standort wird sich durch das neue Wettbüro jedenfalls nicht verschlechtern.

Der Marktführer

Im Hintergrund steht Wettgroßanbieter Tipico, Sitz Malta, mit 1000 Wettbüros in Europa, 750 in Deutschland, betrieben von lokalen Franchisenehmern.

Von 226 Mio. Euro Wettlotteriesteuer (2014) an den Bund stammten angeblich 97 Prozent aus privaten Wettbüros, allein 125 Mio. Euro von Tipico-Büros.