Die total verrückten Drachenjäger aus Witten

So sahen Wagen und Besatzung 2014 aus: Unter dem Motto „NSA“ war die Truppe mit Agenten, großen Ohren und PC-Tastaturen unterwegs.
So sahen Wagen und Besatzung 2014 aus: Unter dem Motto „NSA“ war die Truppe mit Agenten, großen Ohren und PC-Tastaturen unterwegs.
Foto: Herrmann
Was wir bereits wissen
Sie nennen sich „Dragon Hunters“, schmücken einen Wagen, fahren bei Karnevalszügen mit. Trotzdem ist Karneval nicht ihr Ding. Wie bitte?

Witten..  „Und Sie sind also total karnevalsverrückt?“ Dieser vermeintlich lockere Einstieg ins Gespräch mit Matthias Herrmann geht total in die Hose. Aber wer kann schon ahnen, dass einer, der sich jedes Jahr ein neues Motto für den eigenen Motivwagen überlegt, bei zwei Umzügen mitfährt und sich dabei verkleidet, also, dass der mit der jecken Jahreszeit eigentlich nichts am Hut hat?

„Nee, auf Kommando lustig sein, das ist nicht so mein Ding“, entgegnet der 45-jährige Wittener, der bei der Dortmunder Berufsfeuerwehr arbeitet. Trotzdem hat er gerade 1000 Tüten Popcorn im Wohnzimmer stehen, außerdem Kartons mit lauter Restposten wie Socken oder Badelatschen. Kamelle schmeißt er nicht mehr, weil sich danach eh keiner bückt. Und seit Dienstag lässt er sich einen Stoppelbart wachsen – denn das aktuelle Motto ist diesmal „Lumpensammler“.

Atemlos durch den Tag

Herrmann steht nicht allein auf dem Wagen, wenn er in Hagen-Boele und Hattingen-Holthausen unterwegs ist. Etliche Freunde machen mit. Sonntags die Erwachsenen, darunter Rechtsanwälte, Ordnungshüter, Feuerwehrleute, ein Computerspezialist. Montags deren Kinder, das jüngste gerade zwei Jahre alt.

Herrmanns Tochter Melissa (14) freut sich schon auf dieses „total bekloppte“ Ereignis. Auch sie sagt: „Mit Karneval hat das gar nichts zu tun.“ Erika Sohn, die ebenfalls mit von der Partie ist, nickt. Zu einer Prunksitzung würde sie nie gehen. Beate Kreuzberg versteht die Fragezeichen in den Augen der Reporterin: „Es ist die Atmosphäre, das Drumherum, da wird man einfach mitgerissen.“ Und sie nennt ein Beispiel, das verdeutlicht, was die muntere Meute begeistert: „Ich mag auch Fußball nicht so gerne, aber die Stimmung im Stadion, das ist was anderes.“ Riesen-Party halt.

Treibende Kraft des Ganzen aber ist eigentlich Melanie Herrmann (41), die im richtigen Leben bei der Polizei arbeitet. Wenn seine Frau nicht darauf bestünde, hätte Matthias Herrmann schon längst das Handtuch geworfen. Ja, er wäre gar nicht auf die Idee gekommen, die Sache mit dem Wagen weiter zu verfolgen.

Alles begann 2006, als der Wittener durch einen Zufall beim Karnevalszug in Selm mitfahren konnte. Ein Jahr später war auch seine Frau dabei. Noch ein Jahr später löste sich diese Gruppe auf. Doch Melanie Herrmann hatte Feuer gefangen: „Ich will das wieder machen“, beschwor sie den Gatten. Und der organisierte drei Wochen vor Karneval 2008 einen Strohanhänger von einem befreundeten Bauern.

Inzwischen ist der Wagen entsprechend aufgemotzt, hat ein Dach, eine Toilette und natürlich eine Musikanlage. Die dudelt keine Karnevalsmucke, sondern die Top 100. „Und Helene darf nicht fehlen“, sagt Beate Kreuzberg. Atemlos durch den Tag.

Gezogen wird das ca. zehn Meter lange Gefährt mittels Trecker. Auf dem sitzt Julian Pätzold (22), vor sich die Galionsfigur der Gruppe: einen riesigen, selbst gebauten Drachenkopf aus Pappmaché, der allein auf Melanie Herrmanns Konto geht und diesmal sogar Rauch speit. „Dragon Hunters“ – „Drachenjäger“ nennen sie sich, weil das Kind schließlich einen Namen haben musste. Hört sich fantastisch an.