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Die Achse des Guten

02.08.2012 | 08:00 Uhr
Die Achse des Guten
Vor der Stadtgalerie mit dem Durchgang zum Haupbbahnhof: Lokalredakteur Johannes Kopps (r.). Foto: Michael Korte

Witten.   Witten. Lokalredakteur Johannes Kopps kehrt nach drei Jahren in die Lokalredaktion Witten zurück. Wittener ist er geblieben. Wie hat sich das Herz der Ruhrstadt in dieser Zeit verändert? Eine ganz subjektive Bilanz

Erinnern Sie sich an das buckelige Pflaster vor der alten, backsteinroten Hauptpost? Ein Schumacher hat mir mal anvertraut, solange das dort liege, brauche sich seine Zunft nicht zu sorgen.

Da würden sich immer genügend Frauen die Absätze brechen. Gegenüber stand das City-Center, das bei einem nicht unumstrittenen Wettbewerb unserer Zeitung den ersten Platz machte. Nach den größten Bausünden Wittens hatten wir gefragt. Wie oft hatten sich Autofahrer in der viel zu engen Parkhaus-Spindel den Lack angemackt, bis nur noch Kleinwagenfahrer hineinfuhren? Allein die Vorstellung, man müsste da mit einem SUV hochfahren . . .

Die Stadtgalerie

Vorbei – und das ist gut so. Abgerissen, Grube gegraben und dabei noch unter der Post eine Weltkriegsbombe gefunden. Ein Investor setzte uns ein schmuckes Einkaufszentrum hin, wie kurz zuvor in Hattingen. Alles Filialisten – ja und? Wo käme denn bitte die zahlende Kundschaft für das eigentümergeführte Ringeltaubenlädchen in der Stadtgalerie her? Genau. Ketten mit Parkdeck sind eben das, was im Onlineshop-Zeitalter noch läuft. Und wenn die Verkäuferin genauso nett zu mir ist wie die Eigentümerin und noch dazu anders als diese sozialverträgliche Arbeitszeiten hat, dann soll mir das schnuppe sein.

Die Ein-Euro-Shops in der Bahnhofstraße finde ich auch weniger den Hingucker, aber die gab’s schon vor der Stadtgalerie. Sowas trägt sich offenbar, das sollte zu denken geben. Und Sinn-Leffers, Café Leye, Langelittig, Schwabe und Detaille hatten schon (viel) früher die Segel gestrichen. Die Stadtgalerie ist nicht Auslöser von Leerstand in der City, sie ist eine Antwort darauf. Sie ist die große Chance, wieder Leben in die Innenstadt zu bringen. Vielleicht auch die letzte, die wir so bald bekommen. Wir sollten sie nutzen.

Die neue Laufachse

Und die Stadtgalerie steht ja nicht alleine da. Endlich haben wir die neue Laufachse vom Rathaus durch die obere Bahnhofstraße über den Berliner Platz durch den City-Bogen und die Stadtgalerie bis zum Hauptbahnhof und ZOB. Kein Zufallsprodukt. Von einer solchen Achse hatte Stadtbaurat Vilbert Oedinger schon vor zehn Jahren beim Planungsstammtisch Innenstadt im Parkhotel geträumt. Dafür müsse man aber den Riegel City-Center aus dem Weg räumen – und so kam es ja auch.

Der Kornmarkt

Bei der neuen Laufachse stimmt fast alles. Hand aufs Herz: Sie ist eine „Achse des Guten“. Um die Attraktivität am oberen Ende mache ich mir nach dem ZOB-Umzug wenig Sorgen. Klar: Die Kornmarkt-Frage bleibt ungelöst. Doch ob dort Busse halten oder jetzt Autos stehen, erscheint mir zweitrangig. Schon etwas leidgeprüft in Ausschüssen wage ich mal die Prognose: Zehn Jahre Parkplatz. Dort könnte sich mal wieder zeigen: Es gibt nichts Dauerhafteres als ein Provisorium.

Ab davon: Solange der Bürger ins Rathaus muss, der Rathausplatz Marktplatz ist und dort die Schüler von drei Gymnasien, einer Realschule und der Berufsschulen aus dem Bus steigen und in ihren Frei- und Randstunden die Cafés und Döner-Läden bevölkern, ist dort oben Leben genug. Und solange der Kaufhof uns die Treue hält. Zuerst müssen wir Wittener dann aber auch dem Kaufhof die Treue halten.

Berliner Platz

Der alte Berliner Platz war ein Paradebeispiel, dass man Stadtplätze auch übermöblieren kann. Die alten Pilze waren Gift für das Stadtbild, um mal ganz tief in die Kalauer-Kiste zu greifen. Der Röhren-Brunnen von Peter Lechner war natürlich Stadtbild-prägend. Aber: Erstens habe ich dort als 1989 zugezogener nicht mehr selbst geplanscht. Und zweitens meine ich dort auch in den letzten zehn Jahren vor dem Abriss mehr Monteure im Blaumann gesehen zu haben als spielende Kinder. Die neuen Bäume werden schon noch üppiger werden. Und was haben wir für ein schönes Luxus-Problem, wenn die Kinder zwischen den neuen Fontänen zu laut herumkreischen. Wie so vieles, auch ein Frage des rechten Maßes. Ich halte es nicht für kinderfeindlich, wenn gestresste Verkäuferinnen oder mitfühlende Passanten die Kinder in ihre Schranken weisen, wenn sie’s mal übertreiben.

City-Bogen

Die Tafelmusik hat es am vergangenen Samstag nachdrücklich bewiesen: Der neue City-Bogen bietet alle Voraussetzungen, zum neuen Wohnzimmer der Wittener zu werden. Der Bürger ist offenbar doch bereit, den öffentlichen Raum wieder für sich zu erobern. Dafür braucht’s nicht tausend Pflasterbänder und Fahrradbügel. Vielmehr reichen ein aufgeräumter Platz mit einheitlicher Optik, feste Sitzgelegenheiten und Bäume völlig aus, damit ihn Bürger und Handel bei solchen Hochfesten zum Stadtplatz machen. Die Tafelmusik kann nicht immer spielen. Aber auch im Alltag führt der City-Bogen den Fußgänger dezent zur Stadtgalerie. Was bei der Laufachse weiter passt, ist das die Galerie als Durchgang tatsächlich 24 Stunden geöffnet ist. Und sie hat schon manchen, der vom Wolkenbruch überrascht wurde, vor dem völligen Durchnässen bewahrt. Dass das Stückchen Berliner Straße zwischen Stadtgalerie und Bahnhof für die Fußgänger verbreitert wurde, fügt sich als weiterer Mosaikstein in Bild: Wohl jeder der dort mal bei „Gegenverkehr“ zum Zug laufen musste, kann das bestätigen.

Johannes Kopps

Kommentare
04.08.2012
05:46
Die Analyse
von p.s.a | #5

des Wandels im Warenangebot ist treffend.

Die Gestaltung des Stadtraumes auf 3 Stadtfeste hin zu optimieren, die sich zudem so in jeder Nachbarstadt...
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2012-08-02 08:00
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