Das Wort ,Machtergreifung’ gehört nicht in Bericht über heutige Politik

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it Entsetzen musste ich feststellen, dass Sie in Ihrem Artikel für die Bildung des so genannten Bürgerbündnisses (gemeint ist die Koalition, Anm.d.Red.) das Wort „Machtergreifung“ benutzten.

Ich hege die Hoffnung, dass Ihnen bekannt ist, dass der Begriff der „Machtergreifung“ in der deutschen Geschichte mit einem konkreten historischen Ereignis verbunden ist: der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich und der damit verbundene Ausschaltung des demokratischen Systems der Weimarer Republik.

Unter dem Strich bleiben mir nur drei Vermutungen, wie Sie zu dieser Wortwahl kamen:

1. eine absolute Unkenntnis der deutschen Geschichte.

2. eine ungeschickte, unbedachte, aber so nicht beabsichtigte Wortwahl.

3. eine absichtliche Wortwahl, die die Wittener SPD-Fraktion als undemokratisch brandmarkt und gleichzeitig in die rechte Ecke drängt.

Keine der drei Möglichkeiten lässt Ihre journalistische Arbeit in einem guten Licht stehen. Als Historiker möchte ich Sie darauf hinweisen, dass es Sozialdemokraten waren, die 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz stimmten und dafür zwölf Jahre durch die Hölle gingen und zum Teil mit dem Leben dafür bezahlten. Auch die SPD Witten hat Mitglieder, deren Familien für ihren Widerstand gegen das NS-Regime einen hohen Preis zahlten.

Die von Ihnen – bewusst oder unbewusst – betriebene Geschichtsrelativierung verletzt nicht nur das Andenken an viele aufrechte Männer und Frauen, die im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte für ein anderes Deutschland gekämpft haben, sondern stellt auch die 25 Männer und Frauen der SPD-Fraktion in eine Ecke, in die sie definitiv nicht gehören. Seit Jahren engagiert sich die Wittener SPD im Kampf gegen den Rechtsextremismus.

Bei der Begrifflichkeit „Machtergreifung“ gibt es kein Vertun. Sie gehört einfach nicht in einen Artikel, der die derzeitige Politik in unserer Stadt beschreibt. Eine Mehrheit im Rat herzustellen hat nichts mit der Abschaffung der Demokratie hin zu einem menschenfeindlichen System zu tun. Axel Echeverria,
SPD-Vorstandsmitglied in Witten