Das Gräuel begann in Witten vor der Haustür

In Stille geeint: Hunderte Wittener gedachten der Befreiung von Auschwitz am ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald in der Westfeldstraße.
In Stille geeint: Hunderte Wittener gedachten der Befreiung von Auschwitz am ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald in der Westfeldstraße.
Foto: Fischer / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Auschwitz-Befreiung jährt sich zum 70.Mal. Gedenken am ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald. Stolpersteine arbeiten Einzelschicksale aus Witten auf

Witten..  Es ist eine ruhige Wohngegend im Stadtteil Annen, doch von weit her schallt an diesem Tag Autolärm. Während der Himmel in graue Schleierwolken gehüllt ist, haben sich Hunderte Menschen auf der mit grünem Moos bewachsenen Freifläche eingefunden; sie begrüßen sich mit Handschlag oder Umarmung; man kennt sich eben. Und sind dabei doch so leise, dass selbst die ferne Geräuschkulisse beinahe aufdringlich laut wirkt.

Schließlich findet die Menge in einem Halbkreis vor einer Gedenktafel zusammen. Die Kleinsten sind erst wenige Monate alt. Außerdem gekommen sind Schüler aller Jahrgangsstufen. Und zuletzt auch Menschen, deren Eltern bestimmt noch hätten erzählen können von dem, um was es bei der Veranstaltung heute geht: dem Holocaust. Der Tag der Befreiung von Auschwitz jährt sich nämlich zum 70. Mal. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland außerdem ein gesetzlich verankerter Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, seit nunmehr zehn Jahren auch auf internationaler Ebene.

„Eine lebhafte Gedenkkultur“

Das sind einige der Daten und Fakten, mit denen Bürgermeisterin Sonja Leidemann die Bürger offiziell begrüßt. Schnell jedoch spricht sie über das lokale Geschehen, über das Hier und über das Jetzt, über die „sehr lebhafte und lebendige Gedenkkultur in Witten“. Und darüber, dass momentan sehr deutlich werde, „wie wichtig es ist, gemeinsam zu gedenken“. Leidemann spielt mit ihren Worten einerseits sicherlich auf das tagesaktuelle Geschehen im Großen an, auf den Terror in Paris und auf Pegida in Dresden, aber eben vor allem auf das, was vor Ort geschieht: Genauer gesagt auf die jüngste Ratssitzung, in der man sich vom „1. Alternativen Wissenskongress“, also von der AfD, distanzierte (siehe Seite 1).

Die Schülervertretung der Holzkamp-Gesamtschule hat vor allem das lokale Geschehen im Blick. Emma Beke Bandmann, Michel Spitz und Jasmin Bruns haben sich mit der Zeit befasst, als es in der Westfeldstraße ein Zwangsarbeiterlager gab (1941 bis 1944), das später in ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald umgebaut wurde (September 1944 bis April 1945). Und noch mehr damit, welche Wittener hier gefoltert wurden oder in Folge dessen gar zu Tode kamen. Einigen sind die so genannten Stolpersteine gewidmet, die die Gesamtschüler nach einem Ortswechsel in die Erlöserkirche vorstellen. Und nicht nur sie, sogar die Urenkelin eines Gefolterten ist da: Verena Hölper schildert das Schicksal von Christian Bliemetsrieder. Sie berichtet davon, wie er 1933 als politisch Verfolgter im damaligen „Tränenkeller“ im Schiller-Gymnasium mehrfach misshandelt wurde. „Danach war er stark traumatisiert und zeitweilig geistig abwesend“, steht auf der Hinweistafel über ihn. Und, dass er aufgrund der erlittenen Hirnverletzungen erblindete und im August 1938 verstarb. „Noch heute erzählt uns meine Oma, wie sie als Kind ihren erblindeten Vater herumführen musste“, sagt Hölper mit klarer, wenn auch leicht nervöser Stimme. Die Leute in der Erlöserkirche sind still, hören aufmerksam zu. Manch einer muss schlucken bei den teils drastischen Schilderungen eines einzelnen Schicksals. Aber darum geht es am heutigen Tag. Darum, nicht zu vergessen.