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Kulturkürzungen

„Dann geht auch Lebensqualität verloren“

14.02.2012 | 17:26 Uhr
„Dann geht auch Lebensqualität verloren“
Susanne Uhlen gehörte zu den zahlreichen prominenten Schauspielern, die durch die Theatergemeinde Volksbühne im Saalbau gastierten.

Witten.„Die Situation ist dramatisch“, sagt Heinz Bekemeier, Vorsitzender der Theatergemeinde Volksbühne. Denn auch ihr droht das Aus , sollten die städtischen Zuschüsse gänzlich wegfallen.

Fast 2000 Mitglieder hat der traditionsreiche Verein, durch dessen Engagement schon so bekannte Schauspieler wie Susanne Uhlen, Heiner Lauterbach oder August Zirner auf die Saalbaubühne geholt werden konnten und der auch Zuschauerwünsche in den Sparten Musical, Oper und Operette oder Ballett bedient. Rund 117 000 Euro beträgt der städtische Zuschuss in der laufenden Saison. „Aber wir sind alles andere als ein reiner Zuschussbetrieb. Denn etwa 70 Prozent unseres Etats bringen wir selbst auf“, unterstreicht Heinz Bekemeier.

Er verweist darauf, dass die städtischen Beiträge in den letzten Jahren immer weiter gekürzt wurden. In der vergangenen Saison um rund 10 000 Euro, in der laufenden um etwa 20 000. „Es kann doch nicht sein, dass in einer Stadt mit fast 100 000 Einwohnern vielleicht bald kein Theater mehr gespielt wird. Damit geht doch auch Lebensqualität verloren“, so der Vereinsvorsitzende. Das wirke sich ebenfalls auf das Umland aus. Denn ein Drittel der Besucher käme aus den Randbereichen wie Sprockhövel oder Bochum.

Kommentar
Es droht die Kulturwüste Witten

Als noch Geld da war, gab es zwei fast stets ausgebuchte Konzertringe - Weiß und Rot. In den Ring Weiß kam man quasi nur durch Erbschaft. Es spielten Anne-Sophie Mutter, Claudio Arrau und die großen Orchester Osteuropas. Jetzt wird mit einem Schlag nahezu das gesamte Kulturangebot Wittens, immerhin Mit-Kulturhauptstadt Europas 2010, in Frage gestellt. 51 geplante Aufführungen der Kulturgemeinde und Volksbühne von Millowitsch bis Mozart finden wegen der fehlenden Finanzierungszusage womöglich nicht statt.

Das wäre ein Verlust an Lebensqualität und Image, der nicht wieder aufzuholen ist. Wer mobil ist, kann nach Dortmund oder Bochum abwandern. Die anderen blieben in der Kulturwüste Witten sitzen. Wollen wir beides? Können wir beides verantworten? Kultur ist ein wichtiger Standortfaktor für Wirtschaftsansiedlungen. Das muss der Stadt schon jetzt klar sein: Wer Brecht und Bach streicht, streicht  auch die Jobs der Zukunft. (Kommentar: Bernd Kassner)

Deshalb sei - ähnlich wie bei der Kulturgemeinde - ein Brandbrief in Vorbereitung, der bei den nächsten Aufführungen an die Besucher verteilt werden soll. Außerdem überlege man, Unterschriftenlisten im Stadtgebiet auszulegen, auf denen sich die Bürger gegen die Kulturkürzungen eintragen können.

Zudem fragt sich Bekemeier, was aus dem Saalbau werden soll, wenn die jeweils etwa 24 Aufführungen der Theater- sowie der Kulturgemeinde wegfallen würden. Denn: „Wir sind doch die Hauptnutzer des Saalbaus.“ Zwar gebe es über 200 Veranstaltungen jährlich in dem Haus an der Bergerstraße, so Wolfgang Härtel vom Kulturforum. Aber etwa ein Drittel der Besucher käme durch die Theater- und die Kulturgemeinde, meint er.

Düstere Wolken ziehen wohl auch für die so genannte Freie Szene auf, wenn es zu Mittelkürzungen kommt. Sie wird derzeit mit insgesamt rund 30 000 Euro jährlich vom Kulturforum und den Stadtwerken unterstützt. Anträge auf Zuschüsse aus diesem Topf stellen unter anderem freie Theatermacher, Künstler, Chöre oder die Kleinkunstveranstaltung „ArtOrt“ in der Werkstadt.

Auch das traditionsreiche Wittener Kinder- und Jugendtheater, das seit 1979 besteht und damals aus einer freien Initiative junger Theaterleute hervorging, steht mit einer so genannten institutionellen Förderung von 9200 Euro im Wirtschaftsplan des Kulturforums. Aber wie lange noch?

Michael Vaupel

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