Blinder studiert jetzt Soziale Arbeit in Bochum
23.01.2012 | 16:02 Uhr 2012-01-23T16:02:00+0100
Witten. Mit seiner Blindheit geht Sebastian Scholle entschlossen um: Selbstmordgedanken hat er hinter sich, jetzt hat er große Ziele.
Witten. Seit zweieinhalb Jahren lebt Sebastian Scholle in Witten. Doch die plätschernde Ruhr, das Treiben in der Stadtgalerie, die rollende Straßenbahn – der 26-Jährige kann all das nur mit seinen Ohren „sehen“. Sebastian ist blind. Und trotzdem hat er Großes vor.
Sebastian studiert in Bochum Soziale Arbeit. Im Wittener Martineum, der Bildungsstätte der evangelischen Kirche, findet ein weiterer Teil der Ausbildung statt. Am Ende darf er sich Diakon nennen. „Vielleicht bin ich der erste Blinde, der das schafft“, sagt der 26-Jährige, der später als Krankenhausseelsorger arbeiten will. „Ich möchte anderen Menschen Mut machen.“
„Blind, aber nicht blöd.“ Ein Satz, der zu Sebastians Entschlossenheit passt. Er steht auf einem bunten Plakat, das in seiner Küche hängt. „Meine Mutter hatte es mir zum bestandenen Abitur geschenkt.“ Das war die Zeit in Marburg, in einem Gymnasium für Blinde. Sebastian spielte in einer Gottesdienstband, lebte in einer WG. Alles sollte so normal wie möglich sein. Der 26-Jährige wollte endlich seine Zukunft angehen. Und das Vergangene hinter sich lassen.
Es war im Oktober 1998, als es beim Fußballspielen passierte. „Ich wollte zum Ball sprinten, gelandet bin ich aber im Gebüsch“, erinnert sich der junge Mann. Nach einer Untersuchung stand die Diagnose fest: ein Tumor im Kopf. Er konnte entfernt werden, doch von da an war die Welt da draußen eine andere für Sebastian, damals gerade 13 Jahre alt. Sie war plötzlich schwarz. „Es war ein Schock.“
Selbstmordgedanken
Sebastian spricht nicht gerne über diese Zeit. Darüber, dass er alles neu lernen musste: das Schmieren von Butterbroten, das Schreiben mit Punktschrift, das Einkaufen. Über seine schier endlosen Therapien. Über die Selbstmordgedanken. „Die Egal-Phase habe ich hinter mir“, sagt er und tastet sich langsam durch die Küche, von Schrank zu Schrank zur Wohnungstür.
Isabelle ist gekommen. Sie ist Sebastians Assistentin und hilft bei den Dingen, die sonst nur jemand schafft, der sehen kann. Die Post durcharbeiten zum Beispiel. Isabelle macht einen Brief auf. Es ist eine Rechnung von der Bahn. Die 17-Jährige steckt sie an eine Pinnwand im Wohnzimmer, Sebastian ist erleichtert. „Das ist der Ort für alles Wichtige. Damit ich nichts vergesse.“
Um ihn herum sieht alles so aus wie in jeder anderen Wohnung auch. Das Einzige, das an Sebastians Blindheit erinnert, sind sein Blindenstock und sein Punktschriftnotizgerät, in das er Texte eingeben und auf seinem Laptop als Datei abspeichern kann. „Blind sein ist doch gar nicht so schlimm. Wer kann schon von sich sagen, einmal gesehen zu haben und dann zu wissen, wie es ist, nicht zu sehen?“ meint Sebastian. Da ist sie wieder, die Entschlossenheit, die breite Brust. „Krake“ hat einen großen Anteil an dem Stimmungswandel.
Positive Erfahrung
Klaus-Dieter Stegner leitet ein Fitnessstudio, hier wollte Sebastian nach einer Negativ-Phase wieder Kraft tanken. „Ich hätte nie gedacht, dass mich mal jemand so normal behandelt.“ Sebastian ist immer noch überwältigt. „Ey, da ist ja mein Lieblingsblinder!“ Als er beim zweiten Besuch so begrüßt wurde, habe er gedacht: „Hier bin ich richtig!“
Ob Fahrrad fahren oder Rückenübungen – nach erster Hilfe von „Krake“ kann Sebastian alles alleine. Viermal die Woche geht’s zum Sport, um den Kopf frei zu kriegen. „Ich fühle mich wie ein neuer Mensch – Krake sei Dank.“
Mittlerweile sind Klaus-Dieter Stegner und Sebastian richtige Kumpels – „Krake und Blindfisch“. Ein Wortspiel, das von Sebastian stammt. In Watte gepackt werden will er nicht. „Ich möchte behandelt werden wie jeder andere.“
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