Berührende Kinderoper aus dem Dritten Reich

Die Kinderoper Brundibár mit den Ruhrpottspatzen in der Rudolf-Steiner-Schule begeisterte die Zuhörer.
Die Kinderoper Brundibár mit den Ruhrpottspatzen in der Rudolf-Steiner-Schule begeisterte die Zuhörer.
Foto: Barbara Zabka
Was wir bereits wissen
Der Kinderchor „Ruhrpottspatzen“ führte die Oper „Brundibár“ auf, die im Dritten Reich im Lager Theresienstadt so vielen Kindern Freude gab.

Witten..  Wenn Kinderchöre zur Aufführung einladen, stehen oft Märchen oder Musicals auf dem Programm – bunt, fröhlich und kindgerecht. Die Wittener „Ruhrpottspatzen“ aber haben sich in diesem Jahr für eine Oper entschieden, die – vor ihrem historischen Hintergrund gesehen – kaum als „leichte Kost“ bezeichnet werden kann.

Die Oper „Brundibár“erzählt die Geschichte der Kinder Annika und Pepiĉek, die Geld brauchen, um für die kranke Mutter Milch zu kaufen. Als sie auf dem Marktplatz singen wollen, jagt der Leierkastenmann Brundibár sie fort. Mit Hilfe von Hund, Katze, Spatz und anderen Kindern gelingt es ihnen schließlich, Brundibár zu verjagen, Geld zu sammeln und Milch zu kaufen.

Ihre eigentliche Bedeutung erhält die Oper, die den gemeinsamen Sieg über das Böse zeigt, vor dem Hintergrund ihrer Entstehung und Aufführung: Der tschechische Komponist Hans Krasá schrieb die Oper 1938, kurz vor der Besetzung der Hauptstadt Prag durch deutsche Truppen. Hans Krasá wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, schrieb die Partitur dort erneut nieder. Mehr als 50 Mal wurde sie von den Kindern des Lagers aufgeführt, und eben auch von den Mädchen aus „Zimmer 28“, deren Schicksal in der begleitenden Ausstellung gezeigt wird.

Die Kinder fragen nach

„Mit der Ausstellung über die Mädchen aus Theresienstadt schlagen wir die Brücke zur Thematik und Geschichte der Oper“, erläutert Wolfgang Dornwald, Waldorf-Lehrer und Theaterpädagoge, der bei der Aufführung Regie führt. Überfordert die Thematik nicht vielleicht die jüngeren Chormitglieder? „Keinesfalls“, ist sich Dornwald sicher. „Der Chor umfasst eine Altersspanne von fünf bis 17 Jahren. Jede Altersstufe geht anders damit um. Die ganz Kleinen können mit der Thematik noch nichts anfangen, werden sich aber später sicher an die Aufführung erinnern und irgendwann von alleine ‚wach werden‘ und nachfragen, wie beim Nikolaus. Die älteren Kinder stellen Fragen oder hatten schon in der Schule Berührung mit dem Thema. Und natürlich haben wir die Hintergründe hier ebenfalls thematisiert.“

Carlotta (15), Louise und Katharina (beide 11) begrüßen den ernsten Hintergrund der Oper. Während die ältere Carlotta den Holocaust bereits aus dem Unterricht kennt, bekennt Louise: „Ich habe nicht gewusst, wie schrecklich das war.“ Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb sind sich alle einig: „Die Vorbereitung hat riesigen Spaß gemacht!“

Jeder Ton stimmte

Und das merkt man auch als Zuschauer im Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule sehr schnell – einen derartigen Grad an Professionalität und Spiel- und Gesangsfreude kann wohl nur aus den Kindern selbst kommen! Muss man sonst bei Kinderaufführungen auch mal ein oder beide Augen zudrücken, so stimmt hier jeder Ton – ohne jede technische Unterstützung. Wunderschöne Stimmen, tolle Kostüme, die wunderbare Dramaturgie und die großartigen Musiker machen den Auftritt zum ganz besonderen Erlebnis. Und es wird auch unmittelbar deutlich, warum dieses eher unspektakuläre Stück den Kindern in Theresienstadt so viel gegeben hat – Freundschaft und Solidarität machen stark im Kampf gegen das Böse und die Ungerechtigkeit.

Wolfgang Dornwald hat der Handlung eine einleitende Sequenz vorangestellt, in der zwei der in Theresienstadt ermordeten Mädchen als Engel erscheinen, weil jede Aufführung von „Brundibár“, das ihnen selbst solche Freude gemacht und ihnen ein Stück Würde und Freiheit zurückgegeben hat. Ein schönes Symbol gegen das Vergessen.