Beim Radfahren traf ihn der Schlag
03.08.2012 | 19:26 Uhr 2012-08-03T19:26:00+0200
Witten. Nach einem Schlaganfall bewegt sich Matthias Meyer nur noch im Rollstuhl durch die Stadt.
Meyer hält seine linke Hand fest. Sie liegt auf seinem Bein. Der 1,98 Meter-Mann knetet mit der anderen Hand an ihr herum, dehnt die Finger, aktiviert alles, was zu aktivieren ist. Seit einem Schlaganfall macht ihm seine linke Körperseite Probleme. Damals, vor vier Jahren, ging Meyer wegen Kopfschmerzen zum Arzt, was er sonst eigentlich nie tat. Er habe eine Depression, stellte der Mediziner fest - – eine verhängnisvolle Fehldiagnose. Vier Wochen später traf Meyer der Schlag, beim Radfahren.
Bei vollem Bewusstsein umgekippt
„Ich fahre mit dem Fahrrad über die Felder. Auf einmal biege ich links ab. Ohne dass ich das wollte. Kippe ins Gebüsch, bei vollem Bewusstsein. Erst im Rettungswagen versetzte man mich ins Koma“, erinnert sich der 45-Jährige an seine letzte Radtour. Den gebürtigen Oer-Erkenschwicker fanden Spaziergänger, sie handelten rasch. „Zum Glück, denn immerhin bin ich jetzt noch geistig fit, trotz des Schlaganfalls.“
Drei Wochen lag der gelernte Betonbauer im Koma, wurde am Gehirn operiert. Auf die Zeit im Krankenhaus folgten fünf Monate in der Reha. Danach lebte er in einem Pflegeheim in Breckerfeld. Als das schloss, bezog er eine der barrierefrei umgebauten Eisenbahnerwohnungen an der Kronenstraße. Die Wohnungsgenossenschaft Witten hatte sie bis Herbst 2010 für die Stiftung Bethel saniert, die dort „Intensiv betreutes Wohnen“ einrichtete. Seitdem lebt Meyer dort. Startet von da seine Ausflüge in die Innenstadt, zu Spielen seines Heimatclubs „Spielvereinigung Erkenschwick 1916“ und in seine Heimat.
Er will zurück in seine Heimatstadt
„Klar, Witten ist schön. Aber meine Heimat ist meine Heimat. Ich bin regelmäßig dort. In Oer-Erkenschwick sind Familie, Bekannte und Freunde, aber barrierefreies Wohnen – keine Chance“, sagt Matthias Meyer trocken. Erst der Gedanke an seine Zukunftspläne bringt ihn zum Lächeln. Bisher kassierte er von Wohnungsunternehmen stets Absagen. Alle barrierefreien Wohnungen sind vermietet, die Wartelisten lang. „Darum schalte ich jetzt einfach mal eine Anzeige. Vielleicht meldet sich ja jemand oder würde für mich umbauen.“
Das Leben geht also weiter. Der drahtige Mann macht sein Ding. Von seinen ersten eigenen Sonnenblumen erzählt er mit leuchtenden Augen. Erinnert er sich an die Menschen, die er im Krankenhaus hat sterben sehen, wird seine Stimme härter und leiser, der Satz „Ich habe Elend erlebt“ huscht über seine Lippen. Augenblicke später ist das Gespräch bei seinem Tagesablauf angekommen. Erleichtert spielt Meyer seine Stärken aus: „Aufstehen? Immer um fünf Uhr! Einmal Bauarbeiter, immer Bauarbeiter. Später kann ich gar nicht.“
Arbeiten würde er sofort wieder, nur eben nicht im Büro. Doch die Gussschalen für Wände, Treppen, Decken aus Beton wird er nie mehr bauen können. Trotz Krankengymnastik und Ergotherapie, beides je weils zweimal die Woche, bleiben die Folgen der Fehldiagnose: „Ich kann mit links zugreifen, aber loslassen geht nicht.“ Auch der Rest des Körpers ist betroffen.
Nur langsam kommt er vom Fleck – mit Rollstuhl oder mit einem Rollator, der mit stabilisierenden Unterarmstützen versehen ist. Sobald ihm eine Treppe im Weg ist, ist Ende. „Ohne Hilfe geht da gar nichts.“ Bisher fand er immer jemanden, der ihm sein Gefährt trug, während er geduldig langsam am Geländer die Stufen geht. Wehmütig ist der Betonbauer dabei nicht. Er ist keiner, der mit seinem Schicksal hadert - auch dann nicht, wenn er sich an die verhängnisvollen Tage erinnert.
„Ich hatte so Kopfschmerzen, dass ich die Tabletten richtig gefuttert habe. Sonst gehe ich nie für so ein Pillepalle zum Arzt. Aber da hatte ich mir freigenommen. Hätte der Neurologe statt einer Computertomografie die richtige Untersuchung eingeleitet...“, sagt Matthias Meyer und blickt auf. Wie der Arzt bei heftigem Kopfschmerz auf eine Depression schließen konnte, darüber dachte der große Mann gar nicht nach. Also fuhr er in Urlaub, erklomm die 2713 Meter des Watzmann in den Berchtesgadener Alpen. Das Fernweh ist seine große Schwäche, auch heute noch, mit dem Rollstuhl: „Unterwegs sein, das ist mir einfach immer lieber.“
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