Bald auch für Türken
19.02.2010 | 17:02 Uhr 2010-02-19T17:02:00+0100Die klassische deutsche Selbsthilfeszene gibt es seit über 40 Jahren. „Und wir wunderten uns, weshalb Migranten darin so gut wie gar nicht vorkommen”, sagt Rita Januschewski (55).
Inzwischen weiß die Koordinatorin der Gesundheitsselbsthilfe NRW, die als Fachberaterin in der Geschäftsstelle Witten des Paritätischen Wohlfahrtsverbands arbeitet, um die Gründe. Vor etwa zwei Jahren hatte sie gemeinsam mit dem Arzt Ilyas Özsay versucht, „Selbsthilfepotenziale in der türkischen Community zu streuen”.
Um Diabeteskranke sollte es damals gehen. „Davon gibt es etwa dreimal mehr unter der türkischen Bevölkerung als bei den Deutschen”, weiß Allgemeinmediziner Özsay (40), dessen Praxis an der Bahnhofstraße liegt. Doch aus der neuen Selbsthilfegruppe wurde nichts. Özsay und Januschewski lernten: „Man kann nicht einfach die deutsche Selbsthilfe nehmen und sie den Türken überstülpen.” Zu unterschiedlich seien die Kulturen, die Gepflogenheiten.
Wichtig für türkische Mitbürger sei etwa eine Instanz mit größerer Autorität. Außerdem hätten Türken ein anderes Gespür für Zeit oder hielten es nicht für notwendig, sich für eine Veranstaltung extra anzumelden. „Auch die Örtlichkeiten spielen eine Rolle”, weiß Özsay. Oder die Frage, wie Männer und Frauen unter einen Hut zu bringen seien. Und nicht zuletzt die religiösen Umstände.
Rita Januschewski hat ihren Versuch erst mal drangegeben – und sich vor einem Jahr einem landesweiten Projekt angeschlossen. Auch dabei geht es um Selbsthilfe über kulturelle Grenzen hinweg. Es sei ein Modellprojekt, das sich an türkische Krebskranke richte, sagt Koordinatorin Umut Ezel, die von Essen aus agiert. „Wir wollen jetzt nicht 100 Selbsthilfegruppen gründen”, sagt die 28-Jährige. Aber man wolle den Betroffenen signalisieren: Wartet nicht, dass euch jemand hilft – geht selber los.
Dass der Krebs stärker ist als das Thema Migration, darauf setzen auch Peter (69) und Rita (62) Brehm. Das Dortmunder Ehepaar arbeitet ehrenamtlich beim Landesverband NRW der Deutschen ILCO, einer Solidargemeinschaft von Stomaträgern und Menschen mit Darmkrebs. Die Brehms wollen noch in diesem Jahr am Marien-Hospital eine Selbsthilfegruppe mit interkultureller Öffnung gründen. „Diese Menschen leben in Deutschland. Uns verbindet dieselbe Problematik”, begründet Rita Brehm ihr Engagement.
Sie weiß: „Wir brauchen viel Fingerspitzengefühl, denn das Thema geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Gürtellinie.” Zunächst will sie den Bedarf erspüren, sammelt deshalb Adressen und verteilt sogar im Türkei-Urlaub Broschüren über das Modellprojekt in der Landessprache. „Vor allem suchen wir eine türkischstämmige Person, die in der Gruppe eine Leitungsfunktion übernehmen würde.”
Dass Bedarf da sein muss, weiß Mediziner Özsay nur zu gut: „Die Generation der 60-, 70-jährigen Türken wird jetzt häufig krank.” Sie bekämen vor allem Diabetes, Krebs und Asthma – und durch die Selbsthilfe eine neue Chance.
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