Auch in Witten leben Aramäer

Simon Acar (50) aus Witten ist aramäischer Christ. Er stammt aus der Osttürkei und betreibt seit 1986 eine Änderungsschneiderei an der Hauptstraße.
Simon Acar (50) aus Witten ist aramäischer Christ. Er stammt aus der Osttürkei und betreibt seit 1986 eine Änderungsschneiderei an der Hauptstraße.
Foto: FUNKE Foto Service
Was wir bereits wissen
In Irak und Syrien werden die Christen vertrieben. Bereits 1980 floh das Volk aus der Osttürkei. Damals kam Schneider Simon Acar nach Witten.

Witten..  Der Bürgerkrieg in Syrien und der Terror in im Nordirak trifft zurzeit auch eine Glaubensgemeinschaft, für die Vertreibung nichts Neues ist: die aramäischen Christen. Auch Semir Acar, getauft auf den Namen Simon Acar, ist Aramäer. 1980 floh seine Familie vor dem Bürgerkrieg in der Osttürkei. „Das war, als hätte man eine Hand voll Erbsen über dem Globus ausgekippt. Die kullern irgendwo hin“, sagt Simon Acar. Seine neun Geschwister landeten in Kaliforniern, Holland, Belgien, Schweden oder der Schweiz. Der damals 16-Jährige strandete in Witten.

Glaube ist ihm wichtig

Im Mai 1986 machte er sich in der Hauptstraße 40 mit der Leder- und Änderungsschneiderei „Simons“ selbstständig. Heute ist er einer der ältesten Geschäftsleute in der Straße. In dem schmalen, vollgestopften Ladenlokal sitzt er zwischen Unmengen Kleidungsstücken und drei uralten Nähmaschinen. „Diese Ledernähmaschine ist 70, 80 Jahre alt, die ist unverwüstlich.“ Simon Acar lacht freundlich, erzählt begeistert.

Viele Stammkunden habe er, und das glaubt man gern: Hinter ihm hängen Fotos der Nachbarskinder, die hier für ein Bonbon vorbeischauen. Dann gibt es Fotos von Hunden, die ältere Damen mitbrachten. Für die Vierbeiner hat er Leckerchen in der Schublade. Lederjacken oder -gürtel repariert er hauptsächlich, „Leder kann nicht jeder.“

Simon Acar hat immer versucht, friedlich und freundlich zu leben. Sich integrieren, „das können wir Aramäer gut. Und da bin ich stolz drauf“. Wichtig ist ihm der Glaube: So besucht er nicht nur die nächstliegende aramäische Gemeinde in Wanne-Eickel, sondern auch die Gottesdienste der Freien Ev. Gemeinde in Bommern. Auch in Johannis oder der Marienkirche „gibt es interessante Sachen.“

Leben mit sechs Sprachen

Aramäische Familien gebe es in Witten „höchstens zehn“, schätzt er. Bekannt sind neben ihm die Inhaber der Boutique „Maniere“ an der Ruhrstraße, Familie Araz, und der Chirurg am Marien-Hospital, Prof. Metin Senkal.

Sie alle kommen aus Midyat in der türkischen Provinz Mardin, die an Syrien grenzt. Als Simon Acar geboren wurde, lebten dort zu 98 Prozent Aramäer und ein paar Kurden. Heute sind nur zwei Prozent Aramäer geblieben. „Die Leute mussten ihr Haus verkaufen, um die Pässe zu bezahlen“, erinnert sich der 50-Jährige. Unter Willy Brandt gewährte Deutschland den Aramäern Asyl. Ein Bochumer Pastor half Simon Acar und seinem Bruder. Der Jüngere studierte sogar an der Ruhr-Universität und wurde später Übersetzer. Dank ihrer Lebenssituation sind Aramäer Vielsprachigkeit gewöhnt. Simon Acar etwa wuchs mit Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Aramäisch auf und lernte noch Deutsch und Spanisch hinzu.

Als Simon Acar 1980 nach Deutschland kam, besuchte er noch zwei Jahre lang die Berufsschule und ging in Wanne-Eickel in die Schneiderlehre. Mit knapp 20 Jahren machte sich der Sohn eines Teppichmeisters selbstständig: erst als Teil der Boutique „Maniere“, damals an der Oberstraße, dann allein an der Hauptstraße.

Inzwischen seien die Aramäer in der Türkei wieder willkommen. Doch Zurückziehen käme für die Acars nicht infrage: „Wir haben doch unser Leben hier.“ Aber zurück zu seinen Wurzeln reist er gelegentlich – allein um der alten Baudenkmäler willen. „Irgendwie ist es doch unsere Heimat.“