Das aktuelle Wetter Witten 2°C
Interview

ATB: „Profitdenken hat die Loveparade zerstört“

26.07.2010 | 18:04 Uhr
ATB: „Profitdenken hat die Loveparade zerstört“
Der Tunnel an der Karl-Lehr-Strasse in Duisburg. Am Samstag, 24. Juli 2010 starben auf der Loverparade 19 Menschen und 342 Personen wurden verletzt. Foto: Markus Joosten / WAZ FotoPool.

Witten.Der Wittener DJ André Tanneberger (ATB) legte gerade auf einem der Loveparade-Floats auf, als die Massenpanik ausbrach, die 19 Menschen das Leben kostete. Jetzt berichtet er, auf welchem Weg er von der Tragödie erfuhr und wie er damit umging.

Frage: Wie geht es Ihnen jetzt?

André Tanneberger: Das Erlebte hängt einem extrem im Kopf. Wir wurden sowohl beim Ankommen als auch beim Zurückgehen über den Tunnel geleitet. Da habe ich Sachen gesehen, die ich nie mehr vergessen werde. Und jetzt drängt sich mir eine kleine Mitschuld auf, schließlich sind all diese Menschen gekommen, um uns Künstler zu sehen. Auch wenn wir alle wissen, dass die wahre Schuld bei jemand anderem zu suchen ist.

Wann und wie erfuhren Sie von dem Unglück?

Das war eine ganz komische Sache, über die ich mich im Nachhinein immer noch wundere. Ich habe gerade gespielt und auf einmal hieß es, ich solle eine Durchsage machen und die Leute dazu auffordern, sich in Richtung Abschlusskundgebung zu bewegen. Erst dachte ich, es sei vielleicht für Fernsehaufnahmen. Bis mir ein Techniker eine SMS zeigte, in der von einer Massenpanik die Rede war.

Was geschah weiter?

Ich sah in die betröpfelten Gesichter der Security-Leute und wurde zunehmend verunsichert. Auf meinem Handy las ich dann die „Breaking News“ von n.tv. Darin hieß es, dass zehn Menschen bei einer Massenpanik ums Leben gekommen seien. Da war für mich sofort klar: Ich werde auf keinen Fall weiterspielen! Kurz darauf brach auch schon das gesamte Handynetz zusammen.

Die Loveparade wurde nicht sofort unterbrochen. Stand es Ihnen frei, mit dem Spielen aufzuhören?

Von oben kam zwar die Ansage: Die Musik soll weitergehen, aber die Künstlerbetreuer haben uns die Entscheidung überlassen. Für mich war es aus Pietätsgründen unmöglich, die Musik fortzusetzen. Deshalb habe ich aufgehört. Ich weiß auch nicht mehr, wie es dann weiterging. Zu dem Zeitpunkt waren die endgültigen Ausmaße der Tragödie ja noch gar nicht bekannt.

Hätte man dieses Unglück verhindern können?

Man hätte es nicht nur verhindern können, sondern müssen. Die Bedingungen, unter denen man das Gelände betreten und verlassen sollte, waren katastrophal. Die Fluchtwege bestanden aus kleinen Treppen, die auch noch mit Schotter bedeckt waren und aus 45 Grad steilen Böschungen. Dass so ein Tunnel ein klaustrophobisches Risiko birgt, muss doch vorher klar sein. Hätte ich im Vorfeld von diesen Zuständen gewusst, hätte ich gar nicht zugesagt und viele andere Künstler hätten es mit Sicherheit auch nicht getan. Ich hoffe, dass so ein Fehler nie wieder gemacht wird.

Der Veranstalter hat jetzt das Aus der Loveparade verkündet. Finden Sie das richtig?

Wenn man an die Angehörigen der Opfer denkt, ist es sicher richtig. Auf der anderen Seite ist es aber auch sehr schade. Profitdenken hat die Loveparade zerstört. Denn die eigentlich friedliche Veranstaltung erhält jetzt diesen bösen Beigeschmack, obwohl die Leute, die einfach nur feiern wollten, ja überhaupt nichts dafür konnten.

Carolina Zimmermann

Facebook
 
Kommentare
28.07.2010
13:21
ATB: „Profitdenken hat die Loveparade zerstört“
von 89dabei | #1

Profitdenken hat die LP aber nicht erst am 24.07.2010 zerstört, sondern bereits in den letzten Jahren der Berliner Zeit und erst recht, seitdem der Veranstalter diesen nur noch albernen Zirkus dazu benutzt hat, für seine Billigfitnesskette zu werben. Darüber sollte Herr Tanneberger, der sich mit seiner Teilnahme ja ebenfalls für diese Zwecke hat einspannen lassen, auch mal nachdenken.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3293090/create

Aktuelle Fotos und Videos
Schäden am Rathaus
Bildgalerie
Bauschäden
Die 5. Nacht der Offenen Kirchen
Bildgalerie
Kirchennacht
Deutschland vor...
Bildgalerie
Fan-Artikel
Aus dem Ressort
Leise bröckelt der Putz
Rathaus
Der vom Rande des Rathausdaches abgeplatzte Beton liegt noch auf dem Gehweg, der Bereich wurde großräumig abgesperrt. „Am Freitagnachmittag wurde per Gerüst ein Fußgängertunnel errichtet, damit die Leute wieder sicher hier hergehen können“, erklärt der städtische Bauleiter Udo Klapp (48).
Hunde, teuer
Debatte um Hundesteuer
In die Diskussion um die geplante Hundesteuer-Erhöhung von 50 Prozent kommt Bewegung. Sowohl die Steuerhöhe als auch der Fortfall der Ermäßigung bei bedürftigen Personen wurden im Sozialausschuss kritisiert.