Archäologie-Professor gräbt in Jordanien und Israel
16.12.2009 | 18:40 Uhr 2009-12-16T18:40:00+0100
Archäologie und prähistorische Geschichte – was hat das heute mit uns zu tun? Dieter Vieweger kennt diese Frage – und weiß Antworten. Lange schon leitet er Ausgrabungen im Nahen Osten. Für ihn ist die Vergangenheit spannend für die Gegenwart.
Seinem Namen stehen ein Prof. und drei Dr. vor, von denen ihm einer zur Ehre verliehen wurde. Seine offiziellen Funktionen aufzuzählen würden jeden Rahmen sprengen. Er ist dezidierter Kenner des Alten Testaments, lebt acht Monate des Jahres in Jordanien und Israel, ist zuhause in den Weltreligionen und Leiter von drei archäologischen Instituten. Denn das ist seine Hauptfunktion: Archäologe.
In der DDR flog er 1974 16-jährig von der Schule, weil er zu seinem Glauben stand. Damals konnte er nicht wissen, welches Leben voller Umwege vor ihm lag. Selbst ohne Abitur brachte er es zur Promotion in Theologie, arbeitete als Pfarrer, habilitierte sich und war mit 30 Professor an der Humboldt-Universität Berlin. Bald schon war ihm die Quellenlage in seinem Fach zu dünn. Bei einer Reise durch Israel ging ihm ein Licht auf: Archäologe muss er werden. Gedacht, getan. So ging er noch einmal als Student an die Uni und schloss sein Studium wiederum mit Promotion ab.
"Spaghetti-Eis" mit "Schokostreuseln"
Schwer zu sagen, was Vieweger hauptberuflich treibt. Er lebt in Wuppertal, aber seit 20 Jahren leitet er ein Institut in Amman, Jordanien. Bei seinen Ausgrabungen stieß er auf einen Hügel im Dreiländereck Jordanien, Syrien und Israel, der ihm verdächtig vorkam. Mittlerweile ist klar, dass auf dem Siedlungshügel „Tall Zira'a” 16 Meter Kulturgeschichte aus 5000 Jahren lagern. Er nennt den Hügel „Spaghetti-Eis”, die vielen Schichten „Sahnehaube”, „Vanilleschicht” oder „Schokostreusel”. „Wenn mein Vertrag 2028 ausläuft, werden wir fünf Prozent der Schätze gesichtet haben”, erzählt er in angenehm sächsischen Singsang.
Dieter Vieweger spricht sanft, zurückhaltend und sehr spannend. Seine Studierenden loben, man könne ihm stundenlang zuhören. Dabei kommt Vieweger sein differenzierter Weitblick zugute. „Ich lebe in jüdischem Umfeld in Israel, spreche Hebräisch, lebe in Jordanien in muslimischer Umgebung, leider mit schlechtem Arabisch und lebe im freiheitlich christlichen Deutschland”, sagt der manchmal beinahe zaghaft wirkende Professor. Dass seine Institute in Jordanien und Israel über die Brücke der Wissenschaft in dieser zunehmend auseinanderreißenden Welt so gut kooperieren, bilde einen enormen Mehrwert. „Mein Herz steht auf beiden Seiten”, sagt Vieweger.
Mit Losglück gehts zur Exkursion
Die Verbindung zwischen evangelischer Kirche, archäologischen Interessen und ihm als bescheiden auftretendem Wissenschaftler, der die vorhandenen Probleme nicht kaschiert, dient als Absicherung, damit er dort arbeiten kann. So hat er in Jordanien selbst die Königliche Familie als Schirmherren gewinnen können.
In Witten hat sich über die Jahre herumgesprochen, dass hier einer besonders gut lehren kann. Jedes Jahr im Wintersemester ist Vieweger für ein Seminar zugegen; im Sommer nimmt er acht Ausgeloste mit auf eine Exkursion durchs Heilige Land. Und viele kommen wieder, helfen ihm bei den Ausgrabungen und sind verlässliche Stützen. „Die Vergangenheit hat eben sehr viel mit uns heute zu tun”, sagt er und schmunzelt in seiner stets heiteren Art.
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