Anwohner gestalten „ihre Straße“ selbst

Simone Engelke (50) gießt ihre Röschen in der Casinostraße.
Simone Engelke (50) gießt ihre Röschen in der Casinostraße.
Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Ob mit Blumenkästen oder Beeten: In Eigeninitiative wird auf Wittens öffentlichen Flächen gegärtnert. Was sich die Bürger davon versprechen

Witten..  Rosen gießen, immer wieder Rosen gießen. In diesen Tagen brauchen die Pflanzen täglich Aufmerksamkeit. Wie lange sie ihre Blumen auf dem Bürgersteig vor ihrer Wohnung in der Casinostraße schon pflegt, das weiß Simone Engelke gar nicht mehr so genau. „Vielleicht 20 Jahre?“ schätzt die 50-Jährige. Die bunten Hingucker gehörten jedenfalls inzwischen zum Lebensgefühl. „Jeder kümmert sich um sein kleines Fleckchen vor der Haustür.“ Obwohl es keinem der Hobbygärtner gehört.

Kletterpflanzen an Häuserwänden

Die Verschönerung des Straßenbildes in Eigeninitiative – spätestens seit das Stellwerk im Wiesenviertel es vorgemacht hat, nimmt sie in der Innenstadt immer öfter Gestalt an. In Form von Blumenkästen, die bepflanzt werden. Als Kletterpflanzen, die sich an Häuserwänden hochranken. Oder eben als Röschen rund um Straßenlaternen, wegen denen auch schon mal der ein oder andere Spaziergänger einen Umweg macht.

Neu sind auch sprießende Erdbeeren in der Bahnhofstraße. In den Blumenkästen vor dem ehemaligen Café Leye, jetzt Projektfabrik, findet der Gartenfreund gar ein reifes Exemplar. „Die hat einer unserer Besucher gepflanzt“, erzählt Dorit Remmert (36). Seit rund einem Jahr kümmert sich die Mitarbeiterin der Projektfabrik um die Begrünung der eigentlich etwas tristen Metallbehälter. „Sehen Sie den Kohl hier? Der hat sogar den Winter überlebt!“ Eine Straßenbahn rauscht vorüber. Gartenidyll pur.

Weihnachtsbäume in der Adventszeit

Ein paar Straßen weiter, nämlich im Hohenzollernviertel, zeigen uns Daniela Braun (46) und Tochter Julia (9) ihre Idee von einem Garten inmitten von Beton. „Diese Blumenkästen haben wir mit der gesamten Nachbarschaft ausgesucht. Mit der Bepflanzung wechseln wir uns ab“, erklärt Daniela Braun. Die Initiative sei Teil eines Nachbarschaftsprojektes, das eigentlich zum Ziel hatte, dass sich die Anwohner im Hohenzollernquartier besser kennenlernen wollten. „Wir haben uns zu einem Fest getroffen, da ist unter anderem der Gedanke aufgekommen, die Straßen bunter und schöner zu machen, in denen wir wohnen.“ Daniela zeigt auch die Kletterpflanzen, die das denkmalgeschützte Haus in der Nordstraße hinaufranken – ihrem Zuhause. „Es steigert das Lebensgefühl, wenn man Grün um sich herum hat.“

Kuriose und lustige Begebenheiten können Mutter und Tochter zum Gärtnern vor der Haustär berichten. „Sehen Sie den Streifen da gegenüber am Parkplatz? Da versuchen Julia und ich jetzt seit Monaten, Blumen zu ziehen. Doch die Stelle wird immer wieder von städtischen Mitarbeitern abgemäht.“ Tochter Julia erinnert sich besonders an die geschmückten Weihnachtsbäume, die die Nachbarn zur Adventszeit an der Straße drapiert hatten, und da vor allem an einen, der plötzlich nicht mehr da war. „Das war schon witzig. Am 23. stand er noch an der Ecke, am 24. war er verschwunden. Und am 25. stand er wieder da, als sei nichts gewesen.“

Gemeinsam gegen Pflastersteine

Auch wir die Zukunft haben die Anwohner der Nordstraße gärtnerische Pläne. „Wir wollen den Karl-Marx-Platz in Angriff nehmen“, sagt Daniela Braun. „Die Pflastersteine und die Müllcontainer sollen weg. Dann wird es wohnlich hier.“