Alt sein auf Probe
20.01.2010 | 10:55 Uhr 2010-01-20T10:55:00+0100
Witten. Es ist ein spannendes Experiment, was die Uni Witten/Herdecke und Stern TV da wagen. Um „Alt sein auf Probe” geht es. Deshalb hat sich ein Teil des Uni-Hauptgebäudes derzeit in ein Seniorenzentrum verwandelt, in dem acht Studenten neun Freiwillige pflegen. Vier Tage lang, rund um die Uhr.
„Wir haben von Stern TV die Anfrage bekommen, ob wir mitmachen wollen”, sagt Prof. Christel Bienstein. Die Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften hat nicht lange gezögert. Schließlich werden hier häufig genug Studien zur Situation in Altenheimen gemacht. Und sehr hilfreich sei es da natürlich, wenn junge Menschen, die gesund sind, selbst die Erfahrung machen: Wie wird es sein, wenn ich alt bin? Weil die ehemaligen Räume der Zahnmediziner ohnehin leer stehen, wurden sie kurzerhand zum Altenheim umfunktioniert.
Es gibt die Schlafräume der Bewohner und einen Aufenthaltsraum, in dem die „Senioren” gerade auf ihr Mittagessen warten. Es gibt Bilder von röhrenden Hirschen an den Wänden und alte Stehlampen in den Zimmern. Ums Ambiente hat sich Stern TV gekümmert, das spezifische Mobiliar oder etwa Insulinspritzen haben Firmen zur Verfügung gestellt, das Essen liefert die Boecker-Stiftung.
Die hier plötzlich um Jahre Gealterten, das sind Menschen zwischen 22 und 30 Jahren, von der Schuhverkäuferin bis zum Sportstudenten, gecastet von Stern TV. Auch eine Frau, die bald erblinden wird, mache mit, sagt Redakteur Kajo Fritz, „um sich mit ihrem Schicksal zu konfrontieren.”
Die Probanden spielen keine Rollen. Sie erleben mit Hilfe von Simulationsanzügen am eigenen Leib, wie sich hohes Alter auswirken kann. Mitgebracht und mitentwickelt hat die Anzüge Christian Scherf von der Technischen Universität Chemnitz. „Es sind die ersten, mit denen man nicht nur das Alter an sich, sondern verschiedene Einschränkungsgrade simulieren kann”, erklärt Scherf. Schließlich gebe es nicht d e n alten Menschen.
Eingesetzt werde der Anzug etwa in der Forschung, auch von Industrieunternehmen. „Hersteller haben erkannt, dass die Generation 50 plus sehr kaufkräftig ist. Nun müssen sie Produkte anbieten, die den Bedürfnissen und Fähigkeiten dieser Menschen angemessen sind. Doch diese Produkte werden häufig von jungen Designern entwickelt.” Mit dem Anzug können sie sich in die Lebenswelt eines Älteren hineinversetzen.
Zum Anzug gehört etwa eine Weste, die die Schulterflexibilität begrenzt. Handmanschetten, Arm- und Kniegelenkschienen schränken die Beweglichkeit ein und bewirken einen Kräfteverlust. Ein Gehörschutz reduziert das Hörvermögen, eine Brille die Sehschärfe. So kann der Zustand eines Menschen mit Herzproblemen oder nach einem Schlaganfall simuliert werden. Neu auch für Scherf: die Langzeitwirkung des Anzugs. „Bisher haben wir ihn höchstens drei, vier Stunden am Stück eingesetzt.”
Die Laborsituation an der Uni ist erschreckend realistisch. Sie geht so weit, dass nachts Schreie vom Band abgespielt werden. Es gibt einen Bettlägerigen. Ein personeller Engpass in der Pflege ist eingeplant. Und Christian Müller-Hergl vom Dialogzentrum Demenz spielt die Rolle eines Demenzkranken in der Tagespflege: „Gedächtnis weg, Biographie weg.” Er kenne die Rolle aus Trainingssituationen, „aber das hier ist wie Aktionstheater”. Kameras, teils versteckt, filmen, was passiert.
Aber, betont Kajo Fritz, „wir sind nicht Big Brother.” Eine Psychologin des Instituts stehe immer bereit. Das Projekt sei „keine Quälerei”, sondern ein wissenschaftlich fundierter Versuch. Was dabei passiert und wie die Menschen auf die ungewohnte Situation reagieren, das wird voraussichtlich Ende Feburar bei Stern TV zu sehen sein. Auch wir werden kurz vorher über die Ergebnisse berichten.
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