Als Geschenke noch selbst gestrickt wurden

Foto: privat
Geschichten, die zu Herzen gehen. 20-jährige Wittenerin musste Weihnachten 1952 noch mit jeder Mark rechnen.

Witten..  Ein Hauch leiser Wehmut berührt mich, denke ich an die Nachkriegszeit zurück, die Jahre des Wiederaufbaus und an das Zurückfinden in ein normales Leben.

1952, ich war gerade 20, verdiente im Büro 200 DM im Monat, Urlaubs- und Weihnachtsgeld gab es nicht, Überstunden wurden nicht bezahlt. Der Arbeitgeber – zumindest in meinem Falle – steckte den Verdienst in den Aufbau seiner Firma.

Witten war im Dezember weihnachtlich geschmückt, Tannengrün und elektrische Kerzen waren der Hauptschmuck. Die Weihnachtsmärkte in einzelnen Städten, ich denke da vor allem an Dortmund, waren klein, aber anheimelnd und stimmungsvoll – keine übertriebene, aggressive Werbung wie heute.

Natürlich wollte ich meiner Familie Geschenke zum Fest machen, der Nachholbedarf war überall vorhanden. Da brauchte ich nicht lange überlegen, wem ich was schenken könnte. Praktische Dinge fehlten ja: Mutter bekam einen Haarföhn, Vater selbst gestrickte Wollsocken und ein Rasierwasser, der ältere Bruder, 1949 erst aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, ein Oberhemd, die ältere Schwester Make-up, der kleinere Bruder, damals elf, einen selbst gestrickten Pullover und ein Buch. Ich musste ja mit jeder Mark rechnen und wollte mir auch noch einen schwarzen Faltenrock – damals modern – kaufen.

Die meisten Weihnachtsgebäcke wurden, schon aus Kostengründen, selbst hergestellt, wie Spekulatius, Spritzgebäck, Rum-Kugeln, Marzipan-Teilchen und Vanille-Kipferln. Der bunte Weihnachtsteller war Tradition und von 1944 bis 1948 sehr spärlich, erst später wurde er reichhaltiger. Natürlich hatten wir auch rechtzeitig vor Weihnachten unseren Verwandten in der DDR Päckchen geschickt, die waren ja in vielen Dingen ärmer dran als wir.

Die nächtliche Christmette war ein liebenswertes Muss im Weihnachtsablauf, der Christbaum war noch aus echter Tanne und trug richtige Wachskerzen, die durch ihr herrliches Licht richtige Weihnachtsstimmung brachten.

Mit dem Geldbetrag, der heute im Durchschnitt für ein Familienmitglied für ein Weihnachtsgeschenk ausgegeben wird, musste damals ein ganzer Familien-Clan beglückt werden; aber wir waren ja noch nicht „vom Geld verdorben“, sondern konnten uns über viele Dinge freuen, die heute fast keine Bedeutung mehr haben. Denken wir doch nur mal an ein paar neue Pantoffeln für Kinder, sie würden bei unseren Enkeln als Geschenk keine Beachtung mehr finden.

Schade eigentlich, wir sind zu satt, zu gierig, zu materialistisch, zu fordernd geworden. Wir wissen das, aber ändern wir deswegen etwas?

Unser Herz ist zumeist im Hintergrund und schweigt.

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