Abschied nehmen vom Kirchturmdenken

Hier schon gemeinsam unterwegs: Nach dem gemeinsamen Himmmelfahrtsgottedienst der drei Gemeinden ging’s durch den Wald zum Grillfest. Fünfte von rechts ist Pfarrerin Utel Wendel.
Hier schon gemeinsam unterwegs: Nach dem gemeinsamen Himmmelfahrtsgottedienst der drei Gemeinden ging’s durch den Wald zum Grillfest. Fünfte von rechts ist Pfarrerin Utel Wendel.
Foto: Krüger
Was wir bereits wissen
Weil die Mitgliederzahl sinkt, bilden die ev. Gemeinden Bommern, Herbede und Wengern einen Kooperationsraum. Sie wollen aus der Not eine Tugend machen.

Witten..  Die Zahl der evangelischen Christen sinkt, der Kirchenkreis muss haushalten und hat deshalb gerade am Stellenschlüssel gedreht: Auf 2900 statt bisher 2700 „Schäfchen“ kommt eine Pfarrstelle. Und: Die Gemeinden sollen Kooperationsräume bilden, um sich gegenseitig zu unterstützen. Einen solchen Kooperationsraum bilden seit kurzem die Gemeinden Bommern, Herbede und Wengern.

Was Pfarrstellen angeht, ist die Zusammenarbeit hier ein einfaches Gebot der Notwendigkeit. Rechnerisch ist Bommern (4130 Mitglieder, Anfang 2014) mit zwei Pfarrern (Jürgen Krüger, Michael Göhler) aktuell überversorgt. Wengern (3624) ist seit dem Wechsel von Martin Treichel zur Männerarbeit der Ev. Kirche von Westfalen mit nur noch einem Pfarrer unterversorgt.

In Herbede (5426) wird Pfarrerin Ute Wendel, verortet in Durchholz, nach dem Weggang von Pfarrer Martin Marczinowski vorübergehend „Alleinunterhalterin“ (mit einem Vikar zur Seite) für Herbede einschließlich der drei „Hölzer“ und Kämpen sein. Und der Nachfolger/die Nachfolgerin bekommt nur eine Dreiviertel-Stelle – zum Leidwesen der Buchholzer allerdings nicht dort, sondern in Herbede (Kirchstraße), wo der oder die Neue auch wohnen wird. Das Verfahren der Neubesetzung läuft.

Heute zählen die drei Gemeinden zusammen rund 13 200 Seelen. Laut Prognose sollen es in zehn Jahren 2000 weniger sein. Das ergäbe nach dem neuen Schlüssel dann nur noch 3,8 Pfarrstellen – für einen Großsprengel, in dem vor kurzem noch sechs oder sieben Volltheologen gearbeitet haben.

Pädagogen schlagen Brücken

Kooperationsgepräche – eine richtige AG – auf Ebene der Pfarrer und Vertretern der drei Presbyterien gibt es seit 2014. Auch die drei Gemeindepädagogen/Jugendreferenten sind mit im Boot. Für Pfarrer Jürgen Krüger (58) sind „die Teambildung“ wichtig und der Abschied vom Kirchturmdenken. „Wenn einer was besonders gut kann, ist es wenig sinnvoll, wenn er das nur in einer Gemeinde macht.“ So könne zum Beispiel ein Theaterpädagoge überall gut „Brücken schlagen“.

Erste Früchte der Gespräche: Am 30. Oktober wird es ein großes Treffen der Konfirmanden aus allen drei Gemeinden geben – wahrscheinlich zu einem Filmnachmittag- oder -abend. Auch an einer gemeinsamen Konfifreizeit wird geplant.

Pfarrer Krüger aus Bommern – die Gemeinde mit dem „Überhang“ – greift dem Einzelkämpfer-Kollegen Uli Mörchen in Wengern inzwischen auch tatkräftig unter die Arme. Er hat die seelsorgerliche Versorgung – Taufen, Trauungen, Beerdigungen – von 900 Mitgliedern der Nachbargemeinde übernommen. Krüger nimmt die Zusammenarbeit „als neue und spannende Herausforderung an“ – er lerne dabei auch noch viel dazu.

Gemeinsame Gottesdienste

Im Kooperationsraum von Wengern bis Kämpen sprechen die Pfarrer jetzt ihre Urlaubszeiten untereinander ab und vertreten sich gegenseitig. Und: Die meist schwächer besuchten Gottesdienste an Ostermontag, Pfingstmontag oder am Zweiten Weihnachtstag finden künftig reihum „zentral“ in nur noch einer Gemeinde statt, und die Pfarrer wechseln sich dabei ab.

Eine Premiere in dieser Hinsicht war der Himmelfahrtsgottesdienst: Den feierten die evangelischen Christen aus Wengern, Bommern und Herbede gemeinsam in der Durchholzer Schöpfungskirche. Anschließend pilgerten alle zum Gemeindehaus in Bommern, wo der Grill angeworfen wurde. „Die Stimmung war toll“, sagt Pfarrerin Ute Wendel. Ihr ist wichtig, dass viele solcher Begegnungen stattfinden. Nur so könne man Vorbehalte abbauen und die Basis dafür schaffen, „dass etwas zusammenwächst.“

Letzer Gottesdienst in Buchholz

Die evangelische Kirchengemeinde Herbede hat die bittere Erfahrung schon einmal gemacht: 2006 gab sie das Bonhoeffer-Gemeindehaus mit Kirchsaal in Vormholz auf. Dort stehen heute Reihenhäuser.

Jetzt nimmt sie die Pensionierung von Pfarrer Martin Marczinowski zum Anlass, die evangelische Kirche in Buchholz als solche, das heißt als Predigt- und Gottesdienststätte, aufzugeben. Sonntag, 14. Juni, 10.30 Uhr, findet dort der letzte Gottesdienst statt. Marczinowski wird diesen gemeinsam mit Pfarrerin Ute Wendel als Abendmahlsgottesdienst gestalten. „Das wird sicher ein trauriger Gottesdienst“, glaubt Ute Wendel. Sie hofft auf viele Teilnehmer, damit die Buchholzer in dieser Stunde „nicht alleine sind“. Das Gebäude bleibt erhalten. Ein Förderverein, der sich über weitere Unterstützer freuen würde, will im Kirchraum beispielsweise Konzerte oder Lesungen veranstalten. Der Raum unter der Kirche soll für Gruppen oder Treffen zur Verfügung gestellt werden. Das Buchholzer Pfarrhaus wird vermietet.