Computerzeitalter hat Menschen mit Behinderungen Freiheiten gebracht : Die neue Technik ist einfach genial
Die Tastatur von Dirk Pfeiffer steht auf dem Boden unter der Schreibtischplatte, und auch die Maus ist ein Pedal. Wenn der Schuh aus ist, kann er loslegen an seinem Arbeitsplatz.
Kostenvoranschläge machen, Rechnungen schreiben mit dem dicken Zeh. „Die Technik heutzutage ist einfach genial”, sagt der 43-Jährige. Sie macht es möglich, dass er trotz seiner starken Verkrampfungen in der Orthopädie-Schuhtechnik der Evangelischen Stiftung Volmarstein eine Beschäftigung gefunden hat. Und sie macht seinen Heimweg mit dem Elektro-Rolli sicherer.
Im September 1988 bekam er seinen ersten PC. Ein Geschenk. Für Dirk Pfeiffer war das ein Schlüssel zu ganz neuen Welten. „Auf einmal war es mir möglich zu zeichnen.” Die Zeichnungen von damals schlummern heute immer noch auf irgendeinem Datenträger. Eine Kaffeekanne hat er auf den Bildschirm gezaubert, „viele andere banale Dinge auch”. Und natürlich seine Anlage als Funkamateur, ganz akkurat, und das trotz Athethotik, so der Fachbegriff für sein Handicap.
Wenn er das Wort Athethotik ausspricht, muss man genau hinhören. Weil das Wort wirklich ein Zungenbrecher ist. Aber auch, weil die Krämpfe dafür sorgen, dass nicht jeder Laut klar rüberkommt.
Ein Handy
ist ein Telefon
Versuche mit einem Programm, das gesprochene Worte in Computertexte verwandelt, hat er schnell aufgegeben. „Ich schreibe schneller als ich sprechen kann.” Was ja noch nichts heißen muss. „Er ist wirklich schnell”, sagt Anna Scheer, Auszubildene bei Dirk Pfeiffer, 80 Anschläge in der Minute bestimmt. Bei der Volkshochschule gäbe es dafür ein Einsteiger-Zertifikat für Berufe mit Schreibtischarbeit. „So viele sind das nicht”, sagt Pfeiffer und wird von Annla belehrt: „Stapel doch nicht immer so tief!” Ihre Begeisterung gilt nicht nur der Fußfertigkeit von Pfeiffer „sondern der ganzen Art, wie er sein Leben managt”.
Etwa daheim. Da ist jetzt Aufräumen angesagt. Im Prinzip. Private Briefe und Unterlagen einscannen und dann in PC-Ordner stecken. Das schafft Platz im Regal „und macht das Nachsehen für mich viel, viel einfacher”. Der Wille ist da, die Technik auch. „Allein, die liebe Zeit!” Sie fehlt ihm auch bei einem anderen Großprojekt. Seine CDs sollen in einem einzigen Multi-Media-Gerät verfügbar gemacht werden. Seit einem halben Jahr ist er zugange. Sein Trost: Dass jetzt die langen Wintertage kommen und mit ihnen wenigstens ein bisschen Zeit . . .
Dann kann er sich auch noch ein wenig mit seinem neuen Handy beschäftigen. Die Suche hat etwas länger gedauert. Dafür sind die Tasten so groß, dass er es mit seinen unruhigen Fingern bedienen kann, wenn es auf dem Schenkel liegt. Fotos? Internet-Nutzung? „Brauche ich alles nicht. Ich will telefonieren!” Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause zur Wohnung in Volmarstein etwa, wo er mit seiner Frau lebt. Auch wenn das Gerät nicht oft angemacht wird. Aber bei einem Problem mit dem Rolli wäre das Handy ein prima Notfalltelefon.
Mit Anna Scheer probiert er aus, ob die Verbindung mit dem neuen Gerät klappt. Aus Siegen kommt seine Auszubildende. Siegen, sagt er, da war er einmal im Februar 1988, und erntet erneut Bewunderung. „Nichts Besonderes”, sagt er und deutet auf seinen Kopf. „Ich habe einen unheimlich guten Bio-Computer”.






1 Kommentare
Es ist gut zu sehen und aus der gelebten Wirklichkeit zu hören, wie die Technik uns Menschen helfen kann, wenn Sie richtig eingesetzt wird.
Gleichzeitig ist es wichtig festzustellen, welches Potenzial Menschen mitbrtingen, ob Sie nun eine Behinderung haben oder nicht. Herr Pfeiffer ist ein beeindruckendes Beispiel. Danke für diesen persönlichen Einblick.