Unternehmer: Mauer wieder errichten
WIRTSCHAFT. Klaus Calmund sorgt mit einem Brief nach Bitterfeld für Wirbel - auch in der Politik. "Meinungsfreiheit", sagt er.
WESEL. Vor 19 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt, vor einer Woche wurde am Feiertag daran erinnert. Ein Weseler Unternehmer hält nichts davon. Er spricht sich für den Wiederaufbau der Mauer aus und hat seine Mitarbeiter angewiesen, "keinerlei Waren, Produkte oder Dienstleistungen aus der DDR zu ordern". Nun ist Klaus Calmund (63) bundesweit im Gespräch. Und wird ein Fall für die Politik.
Es begann mit einem Geschäftsangebot aus Greppin in Sachsen-Anhalt, das zur Stadt Bitterfeld-Wolfen gehört. Die dortige Firma Lauterbach, ein 18-Mann-Betrieb für Stahlproduktion und -handel, hatte zwecks Werbung an das Weseler Unternehmen für Möbel und Innenausbau am Schornacker geschrieben. Nicht zufällig: Der gebürtige Brüner Friedrich Quint arbeitet für die Lauterbach GmbH - im Geschäftsfeld Glasbaubeschläge, das für die Firma Calmund, die auf die Einrichtung von Praxen spezialisiert ist, von Interesse sein könnte. Der zuvor selbstständige Quint, seit zehn Jahren in Bitterfeld, habe seinen hiesigen früheren Kundenstamm reaktivieren wollen, sagt Geschäftsführer Olaf Lauterbach, und sich dabei auch an die Firma Calmund erinnert.
Über das Weseler Antwortschreiben mit dem Bekenntnis zum Wiederaufbau der Mauer und einer Zurückweisung von Angeboten ("Sie sollten sich mit dem zufrieden geben, was Sie den Westeuropäern bisher aus der Tasche gezogen haben") ist der Absender entsetzt. So sehr, dass der Vorgang gestern in einem Beitrag des MDR-Fernsehens und in der ARD-Fernsehsendung "Brisant" als "Unverschämtheit des Jahres" verbreitet wurde. Darin kam auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer zu Wort - mit dem Hinweis, er wolle die Kanzlerin informieren.
"Soll er doch tun", sagt Klaus Calmund, den dies alles zumindest nach außen hin kalt lässt. Seit Monaten werde seine Firma mit E-Mails belästigt. "Wir werden beschimpft aus dem Osten", sagt er. Zwar nicht von der Firma Lauterbach, aber von anderen Anbietern. Da habe er "einen derartigen Frust" gehabt, dass er das heftige Antwortschreiben nach Bitterfeld verfasste. Rechtliche Konsequenzen befürchtet er nicht: "Wir haben doch schließlich Meinungsfreiheit."
Zumindest Aufmerksamkeit war ihm gestern gewiss: "Hier kommen laufend Filmteams", sagte er, was in Bitterfeld im übrigen auch der Fall war. "Die machen da ein richtiges Fass auf." Aber das werde sich auch wieder beruhigen. "Jetzt ist erstmal Wochenende, und in zwei bis drei Tagen hat sich das erledigt."
ZWISCHEN PROMIS UND KÖNIGS Am Donnerstag in der MDR-Sendung "Sachsen-Anhalt heute", verbreitete gestern auch die Sendung "Brisant" im ARD-Programm DasErste den TV-Beitrag. Dort werden ansonsten Promi-Klatsch und -Rezepte, Königshäuser oder neue Heilmethoden für brisant gehalten.


















