Ausbildung
Pinar baut Brücke zur Lehrstelle
03.09.2010 | 16:06 Uhr 2010-09-03T16:06:00+0200
Werdohl.Pinar Özkul musste eine Brücke bauen: Den Abschluss auf der Gesamtschule hatte sie in der Tasche – aber keinen Ausbildungsplatz. Sie machte aus der Not eine Tugend, verbesserte ein Schuljahr lang ihr Zeugnis auf dem Berufskolleg. Und hatte danach noch immer keine Lehrstelle. Einen Ausbildungsbetrieb, der sie liebend gern nehmen wollte, den gab es aber schon. Doch hatte der gerade keinen Platz frei. Also begann der Brückenbau.
Die orthopädische Praxis von Dr. Gerald Böhl an der Schnurrestraße hatte Pinar Özkul für sich eingenommen. „Pinar hatte bei uns ein Betriebspraktikum gemacht und fiel uns damals schon positiv auf“, erinnert sich Bettina Böhl. Bloß: Ein Jahr müsste sie noch warten, bis die Lehrstelle frei würde und sie eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten beginnen könnte. Sollte die 19-Jährige jetzt etwa weiter in die Warteschleife – Zeit vertun?
Denn die Ausbeute bei ihrer Lehrstellensuche vor einem Jahr war gleich null. „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Ausbildungsplatz mit einer anderen Bewerberin besetzt wurde...“, musste Pinar Özkul etliche Male in den Antwortschreiben lesen.
Kurzfristig ein Misserfolg trotz intensiver Mühen, aber eine Stelle in zwölf Monaten in Aussicht – für Pinar Özkul deprimierend. Aber das waren die zwei Voraussetzungen für die Agentur für Arbeit, um mit der jungen Frau eine Brücke in die Berufsausbildung zu bauen: mit einer betrieblichen Einstiegsqualifizierung (EQ).
Förderung durch die
Agentur für Arbeit
„Eine reguläre Ausbildung geht in jedem Fall vor“, betont Regina Schnettker vom Arbeitgeberservice der Agentur. Schließlich soll die EQ nicht der Regelfall sein, sondern die Ausnahme bleiben. Die EQ ist eine Art Langzeitpraktikum, das von sechs bis zwölf Monaten dauern kann. Der Betrieb soll die EQler praxisnah an die Ausbildungsinhalte heranführen. Und: Das Unternehmen soll die Übernahme in eine reguläre Ausbildung anstreben!
„Man kann die EQ auch dazu nutzen, um zu sehen, ob es auch menschlich passt“, ergänzt Regina Schnettker. Vor allem aber soll die Einstiegsqualifizierung nicht missbraucht werden: eine billige Arbeitskraft auszunutzen, die fegt und Kaffee kocht. „Man sollte EQler so behandeln wie Azubis im ersten Lehrjahr“, sagt Schnettker, räumt aber ein: „Schwarze Schafe gibt es immer.“
Für Pinar Özkul und die Praxis Böhl war die EQ wie geschaffen, sie bauten diese Brücke – und von niederen Diensten hat die Azubi in spe in der Praxis nichts mitbekommen.
Im Gegenteil: „Pina war voll integriert“, sagt Bettina Böhl rückblickend auf die vergangenen zehn Monate. Sie hospitierte Dr. Böhl bei der Therapie, assistierte beim Röntgen, durfte Termine vergeben, auch an die EDV konnte sie sich schon wagen.
Ausbildungszeit
verringert sich
Und: Es passte auch menschlich. „Sie ist freundlich, nett, geht auf die Patienten zu – optimal für den Beruf“, lobt Bettina Böhl. „Pinar ist im Prinzip ihrer Zeit jetzt ein Jahr voraus“, ergänzt Gerald Böhl. Wenn Pinar ihre dreijährige Ausbildung auch ganz regulär beginnt, wird ihr womöglich ein halbes Jahr der EQ angerechnet.
Das größte Lob kommt dann auch von ihrem Chef und es zeigt wohl am besten, wie gut der Brückenbau von Pinar Özkul funktioniert hat. „Ich wusste gar nicht, dass ihre Ausbildung erst beginnt...“, stellt Dr. Gerald Böhl überrascht fest. Und Pinar lächelt verlegen.
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