Nur knuffen, nicht kloppen
10.02.2012 | 00:00 Uhr 2012-02-10T00:00:00+0100
Werdohl.Jungen knuffen andere schon einmal gern in die Seite. Oder geben im Übermut dem Freund im Kindergarten einen Schubser. Wenn aus dem Knuff ein Tritt wird und der Stolperer das Knie trifft, ist aus der Kabbelei schnell eine Klopperei geworden. Karina Wionsek kennt diese Situationen zuhauf und dann muss die Erzieherin schlichten, denn sie weiß: „Gleich weint einer!“
Es braucht also Regeln, geordnete Bahnen. In der städtischen Kindertagesstätte „Budenzauber“ am Rodt übernimmt seit einigen Wochen ihr Kollege Thomas Waltenberg die Rolle des Schlichters. Der freiberufliche Erzieher aus Lüdenscheid ist „Kampfesspiele-Anleiter“. Einige Mütter hat dieser Titel erschreckt. Doch mit fiesen Tricks hat der Job des 26-Jährigen rein gar nichts zu tun.
Fairness als oberstes Lernziel
„Es geht ums Kräftemessen – Fairness wird dabei ganz groß geschrieben“, erläutert Waltenberg das Gewaltpräventions-Projekt. Dass Jungen anders als Mädchen einen Drang nach kraftvollem Körperkontakt haben, ist bekannt. Thomas Waltenberg bringt seinen Schützlingen die nötigen Regeln bei. „Keine Grenzen zu überschreiten, nicht draufzuhauen“, so Budenzauber-Leiterin Karina Wionsek, ist das Lernziel für die Vorschulkinder. „Kampfesspiele“ ist ein Projekt des Familienzentrums Budenzauber/St. Michael, wird bald auch in der katholischen Kita an der Brüderstraße angeboten. „Wir wollen auch männliche Vorbilder in die Kindergartenarbeit einbeziehen“, nennt Karina Wionsek ein weiteres Motiv.
Im Turnraum des Kindergartens warten die Jungen schon ungeduldig auf Waltenberg. Am Anfang sprechen sie ihren Wahlspruch: „Wir kämpfen fair!“ Und auch am Ende jeder Stunde gibt es dieses Ritual, wenn alle Kinder im Kreis stehen und ihre kleinen Fäuste zur Mitte führen. Das Versprechen eines fairen Kampfes, gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen – wichtige Tugenden, die bei den durchaus robusten Spielen gelernt werden. „Kämpfen ist lebensbejahend“, weiß Waltenberg um diesen ganz natürlichen Trieb von Kindern. Er arbeitet mit Sanktionen, erlegt den Jungen Liegestütze auf, wenn sie beim Wurfspiel über die Stränge schlagen. Dann hinterfragen sie ihr falsches Verhalten und ihr Gewissen meldet sich. „Gewissen“ – für Sechsjährige kaum greifbar. Thomas Waltenberg macht den Jungs dennoch deutlich, was vor sich geht – wenn er an ihren „inneren Schiedsrichter“ appelliert.

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