Mutter verschafft Tochter den Ausbildungsplatz
02.09.2010 | 18:01 Uhr 2010-09-02T18:01:00+0200
Werdohl.Sie wird die nächsten drei Jahre fünf Tage in der Woche jeweils acht Stunden lang mit ihrer Mutter in einem rund 20 Quadratmeter großen Raum verbringen. Was klingt wie ein wissenschaftliches Projekt, bedeutet für Katharina Küper die dreijährige Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten.
Gabriela und Katharina haben, die Mutter auf dem Arbeits-, die Tochter auf dem Ausbildungsmarkt, so ihre Erfahrungen gesammelt: in beiden Fällen sehr enttäuschende. Anfang des Jahres erst, nach der 25. Absage auf eine Stellenbewerbung („Ich sei zu alt“), machte sich die 49-Jährige Gabriela M. Küper in der Sandstraße mit einem Büro für Buchhaltungsservice selbstständig.
Die Steuerfachangestellte konnte daher ihrer Tochter gut nachfühlen, als die 22-Jährige nach einer schier endlosen Serie von Praktika die Hoffnung auf den ersehnten Ausbildungsplatz bei einem Frisör irgendwann aufgab. Zur Generation Praktikum mochte Katharina aber nicht gehören, jene jungen Leute, die, um sich ihre Meriten zu erwerben, erst Monate, manchmal jahrelang für ein paar Euro das Mädchen für alles spielen müssen.
Lehre als Friseuse aufgegeben
„Vertrösten“ beschreibt wohl am ehesten, was Katharina widerfuhr: „Kaffee kochen, einkaufen, fegen, Haare waschen wie am Fließband“, erinnert sie sich nur ungern. Das mochte auch ihre Mutter nicht mitansehen und machte ihr ein höchst moralisches Angebot: „Was hältst du denn davon, wenn du deine Ausbildung bei mir machst?“, fragte sie – ihre Tochter fand’s gut.
Ausbildung bei Mama – Katharina ist Realistin: „Ich glaube nicht, dass ich deswegen einen Vorteil habe...“, vermutet sie und lacht. Ihre Mutter werde sie wohl richtig fordern und nicht bemuttern. Gabriela Küper bestätigt das: „Den Zahn muss ich ihr ziehen, es wird manchen Tag geben, wo sie mir die Aktenordner um die Ohren hauen will.“ Vielleicht wird auch alles viel entspannter, familiär halt. Während des Gesprächs laufen „Bobby“, Gabriela Küpers Australian Shepherd, und „Benji“, Katharinas Border Collie, schwanzwedelnd durch das kleine Büro. Die dürfen natürlich in den nächsten drei Jahren bleiben.
Ämter und Verbände haben nicht geholfen
Auch ein Vorteil dieser familiären Ausbildung. Ausbildung – das ist auch für Gabriela Küper Neuland. Beruflich erst seit ein paar Monaten auf den eigenen Füßen stehend, musste sie sich über die Voraussetzungen informieren. Ob sie einen Ausbilderschein benötigt, ob es Zuschüsse gibt. Neben dem Gehalt fallen Prüfungsgebühren und auch Geld für Schulmaterial an: „Das muss man erst einmal stemmen.“ Auf Ämter und Verbände ist sie seitdem aber nicht gut zu sprechen: Industrie- und Handelskammer und Agentur für Arbeit hätten sie bei ihren Fragen ziemlich im Regen stehen lassen. „Es wird einem schwer gemacht“, sagt Gabriela Küper verbittert. Und: „Wenn ich nicht so ein Dickkopf wär, hätte ich schon hingeschmissen.“
Ihre Tochter soll eine gute Ausbildung bekommen. Also greift Gabriela Küper jetzt zur Selbsthilfe. Will ein Netzwerk von Kleinstbetrieben aufbauen, die untereinander ihre Auszubildenden austauschen. Denn das, was ihre Tochter für eine komplette kaufmännische Ausbildung benötigt, kann die Mutter ihr nicht bieten. Büro-Organisation, Buchhaltung, auch Terminplanung – ja. Aber Einkauf? Verkauf? Urlaubsplanung? „Unser Urlaub wird wahrscheinlich gemeinsam gemacht“, lacht Gabriela Küper angesichts ihres Ein-Frau-Unternehmens.
Ein-Raum-Büro im Kleinbetrieb
Sie hofft, Mitstreiter zu finden. „Das Problem haben viele kleinere Unternehmen“, zeigt sie sich überzeugt. Wer ihr vorhalten möchte, sie versorge ja nur ihre Tochter und greife dafür öffentliche Zuschüsse ab, geht fehl: Von der Lehrstelle, die Gabriela Küper schafft, profitieren durch den erhofften Verbund der Kleinbetriebe auch deren Auszubildenden.
Die fünffache Mutter ist lebenserfahren und kennt die typischen Barrieren, die junge Frauen umschiffen müssen. Daher würde sie in ihrem Ein-Raum-Büro am Sand auch eine Auszubildende mit Kind herzlich willkommen heißen, sie auffordern: „Bringe es mit!“
Noch wartet die Wahl-Werdohlerin auf Antworten von Kammer und Agentur, zur Berufsschule soll Katharina ab dem 1. September aber auf jeden Fall schon gehen. Die Mutter möchte eine gute Ausbildung für ihre Tochter. Und wird selbst neue Erfahrungen machen. „Jemandem etwas so zu erklären, dass er es auch versteht – ist schon etwas anderes. Das wird eine spannende Zeit“, sagt Gabriela Küper.

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