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Malteser im Erdbebengebiet

11.08.2009 | 17:40 Uhr

Werdohl. Der klangvolle Name der italienischen Stadt L'Aquila hat eine tiefere Bedeutung. Übersetzen lässt er sich mit „Der Adler”.

Betrachtet man die Menschen, die ihr Hab und Gut, vielfach sogar Angehörige beim verheerenden Erdbeben am 6. April verloren haben, könnte man sagen: Der Adler wurde schwer verwundet, sein Gefieder wurde zerzaust, er hat sogar geblutet. Eines hat er aber nicht verloren: seinen Stolz.

Diese „beeindruckende Erfahrung” hat Marc Schuler von der Malteser-Kreisgeschäftsstelle Werdohl gemacht. Bei seinem Auslandseinsatz in den Abruzzen konnte er sich ein Bild vom ungeheuren Lebenswillen der Menschen machen. Mit seiner Kollegin Helga Dörk war er Ende Juli als Mitglied eines sechsköpfigen Malteser-Teams ins Camp Poggio di Roio, einer Zeltstadt bei L'Aquila gereist, um technische Hilfe zu leisten und beim allgemeinen Betrieb der Zeltstadt mit anzufassen.

Trümmerberge – das war der Anblick, der sich den Werdohlern bot. „Unser Camp liegt auf der Spitze eines Berges, von der man auf L'Aquila herunterschauen kann. Von oben wirkt die Stadt mit ihren rot-braunen Dächern fast unversehrt. Doch bei einer Ortsführung wurde schnell klar, dass hinter den schönen Fassaden kaum ein Stein auf dem anderen liegt”, so Schuler. „Viele Gebäude sind praktisch in sich verdreht, alles ist zerstört. In Onna, einer 200-Einwohner-Stadt, in der 50 Menschen starben, sind nur noch drei Gebäude intakt. Es wird sicherlich 20 Jahre dauern, bis alles halbwegs aufgebaut ist.”

Trotzdem: Die Menschen geben nicht auf. „Unterschwellig ist natürlich immer die Angst da, das wurde besonders deutlich, als wir in der Nacht vom 3. auf den 4. August ein schweres Nachbeben erlebten”, berichtet Schuler im Gespräch mit der Redaktion. „Da ging ein Schrei durch das Lager, die Menschen rannten aus den Zelten, weinten, umarmten sich.” Dennoch: „Alle versuchen, so gut es eben geht, ihr Leben weiter zu leben.”

Erlebnisse, die einen noch lange begleiten

Marc Schuler erinnert sich an eine Prozession und das in der Region bedeutende Brotfest, die „Festa del pane”, das „nicht in der Kirche, sondern im Kirchenzelt gefeiert” wurde. Auch zu privaten Anlässen wurde das Team eingeladen, etwa zu einer Verlobung und einer Silbernen Hochzeit. „Die überwältigende Gastfreundschaft der Menschen, die all ihren Besitz verloren haben, hat uns tief berührt.” Eines der „intensivsten Erlebnisse” sei die Bitte einer Familie gewesen, an der Trauerfeier für ihren im Camp verstorbenen Angehörigen teilzunehmen und den Sarg zu tragen.

Erlebnisse, die einen noch lange, nachdem man in ein „ganz normales Leben” zurückgekehrt ist, begleiten. Doch wie lassen sie sich verarbeiten? „Da hilft nur eins”, ist Marc Schuler überzeugt. „Darüber sprechen.”

Simone Mylonas

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