Zwischen Totem Meer und Golan
05.12.2011 | 18:11 Uhr 2011-12-05T18:11:00+0100
Vier Jungs aus Holon sind die gastgebenden Vorreiter für die vierte Runde im trilateralen Jugendaustausch, zu dem sich 22 Pestalozzi-Realschüler für eine Woche in Israel aufhalten. Maren Burghardt und Kim Schabio aus dem zehnten Jahrgang an der Graf-Adolf-Straße, die die WAZ seit dem Schul-Projekt „fit for future“ begleitet, gehören zu dieser Gruppe.
„Unsere Entscheidung mitzufahren war sofort klar“, sagen die beiden 15-Jährigen. Die Eltern hätten geraten, diese Chance wahrzunehmen. Kim hatte besonderes Glück: Sie sprang quasi auf den letzten Drücker in den Flieger nach Tel Aviv, wurde erst am Freitag vor der Abreise von der Warteliste nachnominiert. Das Interesse an Israel und dem Jugendaustausch ist bei den Schülerinnen vor allem durch die Berichte ihrer „Vorfahrer“ geweckt worden, die über die vergangenen drei Reisen in den Nahen Osten begeistert berichtet hatten.
Ihre ersten Eindrücke erleben die Wattenscheider noch ohne Begleitung von Israelis – die haben Schule. Und? Bewahrheiten sich die bisherigen Vorstellungen? „Alles wirkt auf mich wesentlich fortschrittlicher, die Wüste sieht so extrem aus. Einfach super, dass wir hier sind“, freut sich Maren. Da lagen ein Abend in Tel Aviv samt glitzender Skyline und eine Tour zum Toten Meer im Süden schon hinter den Jugendlichen. In einer der abendlichen Diskussionsrunden geht es dann irgendwann auch um Nationalstolz, den Israelis durch viele Flaggen demonstrieren. Sollte das zu Hause auch so sein? Da plädieren die Jugendlichen für deutsche Zurückhaltung, vor allem „wegen der Verbrechen unserer früheren Generationen an den Juden“.
Coole Jungs
Sascha Hellen, Organisator dieser Reise im Auftrag der Maffay-Stiftung und des Landes NRW, erinnert an 60 Jahre Frieden in Europa, „die Israel nicht hatte. Es gab und gibt Nachbarn, die diesen Staat samt seiner Bevölkerung ins Meer werfen wollten und wollen!“ Der israelische Pädagoge Dr. Shmulik Lahar betreut die Jugendlichen während ihres Aufenthalts im Nahen Osten und bescheinigt anschließend den jungen Deutschen eine große Ernsthaftigkeit. „Sie tragen doch nicht die Schuld an der Historie. Mein Gott, sie sind erst 15, 16 Jahre alt, aber im Kopf wohl wesentlich weiter, als mir mancher Erwachsene erscheint.“
Am Freitag endlich der „Auftritt der Vier“. Itay, Sol, Hen und Yuval (17 und 18 Jahre alt) haben schulfrei an ihrem Gymnasium in Holon und steigen in den Wattenscheider Bus. Absolut erstaunlich, wie viele Handy-Fotos nach den ersten drei Autobahnkilometern entstehen können. Zaghafte Versuche in fremden Sprachen nach Name, Hobbys und Familie zu fragen – das geht. Und so trifft Fußball (weiblich, deutsch) auf den Surfer (männlich, israelisch). Kurz darauf stehen erste Facebook-Kontakte.
Weibliches Publikum
Samstag. Die coolen Jungs demonstrieren im See Genezareth vor weiblichem Publikum ihre Schwimmkünste. Dann Fahrt zum Dreiländereck Israel, Libanon, Syrien – alles locker, alles easy. Im „Disco-Bus“ in Richtung Golan-Höhen regiert die Musik und verbindet. Erst traut sich Sol ans Mikro, dann singen auch Nele und Lena vor Publikum. Für Itay steht jedenfalls schon jetzt fest, dass die Wattenscheider „wirklich sehr locker und aufgeschlossen sind.“ Das habe er bei einem zurückliegenden Aufenthalt in Süddeutschland schon anders erleben müssen. Es folgt wieder jede Menge allgemeine Unbeschwertheit – wie Jugendliche eben so sind. Maren und Kim formulieren – nach dem allgemeinen umarmungsreichen Abschied der Israelis – ihre erste Einschätzung: „Kontakte halten? Auf jeden Fall. Wir kommen gut miteinander klar.“ Nicht nur die beiden Mädels sind außer „fit for future“ auch „fit for friendship“.
Für den ersten Kontakt mit palästinensischen Gleichaltrigen in Ramallah müssen die Deutschen zu Wochenbeginn samt Reisepass eine streng bewachte Grenze passieren. Israelis wie Itay, Sol, Hen und Yuval ist das verboten. Die Jugendlichen aus der Verwaltungshauptstadt Palästinas dürfen nicht uneingeschränkt „mal eben“ nach Israel einreisen.
Das ist die Realität.
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