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Reichspogromnacht

Wie vor den Kopf gestoßen

05.11.2010 | 18:05 Uhr
Wie vor den Kopf gestoßen
Auf Steinen spiegeln die Realschüler Aspekte zur Reichsprogromnacht wider. Foto: Stefan Arend / WAZ Fotopool

Wattenscheid. Sie haben jede Menge Flausen im Kopf, sind zwischen 15 und 16 Jahre alt – Teenager eben. Was geht junge Menschen das an, was am 9. November 1938 in Deutschland geschehen ist?

Eine Projektgruppe der Pestalozzi-Realschule gibt bei der Gedenkveranstaltung der Bezirksvertretung zur Reichspogromnacht darauf Antwort.

Mit dem Engel der Kulturen ziehen die Realschüler ins Rathaus. Foto: Stefan Arend / WAZ Fotopool

„Der Holocaust ist wohl das schwierigste Kapitel, das ein Historiker behandeln muss“, meint Heinz-Werner Kessler (60), Geschichtslehrer am Märkischen Gymnasium. Religionslehrerin Andrea Winkler-Nier (49), die die nach den Sommerferien aus Katholiken, Protestanten und Muslimen bestehende Projektgruppe an der Graf-Adolf-Straße leitet, bestätigt: „Das Thema hat nicht nur die Schüler, sondern auch mich im übertragenen Sinne völlig vor den Kopf gestoßen. Es hat sehr lange gedauert, nach der Lektüre von Augenzeugenberichten, Zeitungsartikeln und dem Betrachten von Bildern aus jenen finsteren Tagen einen mentalen Zugang zu dem schrecklichen Geschehen zu finden.“

Was den jungen Leuten dann nach und nach durch den Kopf gegangen ist und ihre Seelen berührt hat, haben sie auf zwanzig Kalksandsteine geschrieben, die sie am 9. November im Rathaus wortlos zu einer Mauer aufschichten: Darauf spiegeln sich Begriffe wie Stress, Verzweiflung, Fassungslosigkeit. Bei einem Redaktionsbesuch der Projektgruppe artikuliert sich aus höchst unterschiedlichen Wahrnehmungen und Perspektiven Angst – Angst, dass sich möglicherweise Ähnliches wie vor 72 Jahren wiederholen könnte. Wach müsse man sein, stets bereit sein, für Schwächere einzustehen, Ausgrenzung und Diskriminierung verhindern, gegen Unrecht aufstehen. Von Verboten hält die große Mehrheit der Projektgruppe nichts. Damit mache man die Gegner eines friedlichen Zusammenlebens stark. Denen müsse man sich stellen, ihnen Argumente entgegen setzen, sie mit geistigen Waffen schlagen.

Kommentar
Darüber spricht es sich nicht leicht

Tim Tomitza hat das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz besucht. Seit Ende der Sommerferien arbeitet der 16-Jährige in der Projektgruppe mit, die am Dienstag, 9. November, die Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht im Rathaus gestaltet. Bei meinem Besuch der Jugendlichen, die mit mir einen offenen Dialog führten, hielt sich Tim mit Wortbeiträgen merklich zurück. Erst nach der für mich sehr lehrreichen Stunde kamen wir ins Gespräch, und der junge Mann versuchte, in Worte zu fassen, was er in Auschwitz gesehen und dabei empfunden hatte. „Darüber“, sagte er mir, „spricht es sich nicht so leicht.“

Seit zehn Jahren bindet die Bezirksvertretung junge Menschen in ihre Gedenkveranstaltung ein. Oft hat ihre Reflexion des schrecklichen Geschehens tief beeindruckt, für den ein oder anderen Moment auch sprachlos gemacht. Ja – über die Shoa spricht es sich nicht so leicht. Doch nur wer um Vergangenes weiß, kann Gegenwart bestimmen und Zukunft gestalten. Ferdi Dick

Die Botschaft, die ihre Projektgruppe am Dienstag bei der Gedenkveranstaltung vermitteln will, fasst Andrea Winkler-Nier so zusammen: „Wir wollen durch das Zurückblicken auf die Geschichte – durch Erinnerung – sensibel machen für die Verantwortung in der Gegenwart und in der Zukunft. Nach den entsetzlichen Geschehnissen der Shoa wird – gerade heute – auch von Schülern ein doppeltes Lernen verlangt: Ein Verlernen dessen, was falsch und verhängnisvoll war, und ein Lernen dessen, was den Dialog und das Zusammenleben von allen Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Rasse und Religion fördert.“ Und dann zitiert die Pädagogin eine jüdische Weisheit: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Um ein Zeichen zu setzen für „Gemeinsamkeit in Unterschiedlichkeit“ bringt die aus den zehnten Klassen gebildete Projektgruppe einen „Engel der Kulturen“ mit ins Rathaus. Er dient als Symbol für den trilateralen Jugendaustausch, den die Wattenscheider Realschüler mit Gleichaltrigen aus Israel und Palästina pflegen. Sarah-Lena Schmidt (16) erläutert. „Dieser Engel vereint die drei monotheistischen Weltreligionen, das Christentum, das Judentum und den Islam. Wir werden ihn im Rathaus lassen, damit er auch dort einen Weg zu einer Gesellschaft weist, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion miteinander leben können – in Frieden und ohne Angst.“

Ferdi Dick

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Wie vor den Kopf gestoßen
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2010-11-05 18:05
Wattenscheid