US-Panzer rollten über den Hellweg

Wattenscheid..  Irmgard Möller ist 19 Jahre jung, als amerikanische Truppen über den Hellweg in Höntrop einmarschieren. Vor genau 70 Jahren sah sie erstmals einen amerikanischen Panzer von Wattenscheid aus kommend, und führte Tagebuch darüber, wie sie die ersten Begegnungen mit den Alliierten wahrnahm.

Ihre Notizen sind geprägt von einer bildhaften Sprache, von Bezügen zur Natur und Kommentierung der – politischen – Zusammenhänge. Die folgenden Auszüge, die fast vollständig in dem Buch „Nacht über Wattenscheid“ von Hartmut Schürbusch und Alfred Winter erschienen sind, beschränken sich daher im Wesentlichen auf die Chronologie der lokalen Ereignisse – ohne ihre Aussagekraft zu verlieren. Der Eintrag stammt vom 12. April 1945.

Auszug vom 12. April 1945

„Vor drei Tagen sind die Amerikaner eingezogen. Noch kann ich nicht begreifen, was geschehen ist, noch kann ich das Erleben der letzten Wochen nicht fassen...

Als ich gegen neun Uhr Brot holen will, halten mich die Männer zurück: Auf dem Hellweg sind die Panzerspitzen. Ich weiß, dass es wahr ist, ich glaube es nicht. Als ich vor Förders Haus dann mit eigenen Augen einen Panzer sehe, rede ich mir ein mit aller Kraft: das ist ja ein Deutscher – und weiß doch, dass seit Tagen kein deutscher Soldat mehr in Höntrop ist, dass seit Tagen die schweren Geschütze auf Todtsfeld und an der Westenfelder Straße nicht mehr schießen...

Da kommt es von Wattenscheid herauf, Panzer auf Panzer, Wagen auf Wagen, und jeder Wagen hat einen Stern – Amerikaner... Die Spitze kommt durch die Lindenstraße, die Panzergrenadiere dahinter, Soldaten mit vorgehaltener Pistole suchen die Vorgärten ab, sehen hinter jeder Hecke. In mir tobt es. Hinter dicht geschlossenen Gardinen sehe ich in die Gesichter der feindlichen Soldaten. Zigarette im Mundwinkel, jeder Zoll: Der Sieger...

Den Amerikanern scheint Höntrop, und vornehmlich unsere Lindenstraße zu gefallen. Schon am ersten Tag müssen Schildgens ihr Haus verlassen, Viehlers und das große Mozoleksche Haus werden für einige Tage belegt. Schon in der Frühe tönt der aufreizende Jazz herüber...

Man sagt, die Amerikaner nehmen den Frauen den Schmuck, nehmen Ringe und Ketten for remember und die Canadier sagen souvenir. Frau Geheimrat Baare soll ihres Schmuckes beraubt sein...

Eine weitere Anordnung befiehlt schnellste Beseitigung der Panzersperren, damit die Herren Amerikaner bei ihren Fahrten nicht behindert sind. Autos bringen die französischen Gefangenen zurück in ihre Heimat. Die Franzmänner haben die Trikoloren gehisst, singen, jubeln, jodeln die ganze Fahrt...

An den Häusern entlang huschen Gestalten in merkwürdigen Aufzügen – ganz Vagabund. Ich kenne die Schuhe der Wehrmacht zu gut, um in den Landstreichern nicht unsere Soldaten zu erkennen, die sich nach Hause durchschlagen...

Das Denunziantentum blüht. Nationalsozialisten werden aus ihren Wohnungen vertrieben... Deutsche Frauen liegen allnächtlich in den Häusern der Amerikaner. Man hört das alles mit einer gewissen Gleichmut. Man wird Müde nach den Tagen der Spannung.“