Steffi weist Blinden den Weg
02.06.2010 | 17:12 Uhr 2010-06-02T17:12:00+0200
Wattenscheid.Walter Menzen von Blinden- und Sehbehindertenverein testet ein Navigationssystem für Sehbehinderte.
Das Gerät ist kaum größer als eine Streichholzschachtel – und enthält doch ein komplettes, GPS-basiertes Navigationssystem. „Es ist sprachgesteuert, so dass ein schwieriges Display mit Menü-Funktionen entfällt“, erklärt Walter Menzen vom Blinden- und Sehbehindertenverein. „Das macht das Gerät auch für Blinde tauglich.“
Gelotst wird der Benutzer per Ohrhörer von „Steffi“, besser gesagt: ihrer Stimme. Vorab muss jedoch – wie beim „Navi“ im Auto – das Ziel angegeben werden. „Man muss Stadt, Straße und Hausnummer nennen“, erklärt Menzen und fügt hinzu: „Wenn das System einen nicht versteht, fragt es noch einmal nach.“ Angegeben werden muss zudem der „Modus“, sprich: Ob man zu Fuß, per Rad oder mit dem Auto unterwegs ist. Anschließend ertönt das bekannte „Die Route wird berechnet“ – und dann spricht Steffi dem Benutzer den Weg ins Ohr.
„Das Head-Set ist zwar praktisch, aber gleichzeitig auch ein Schwachpunkt“, hat Walter Menzen festgestellt. „Es ist für Blinde ungünstig, beide Stöpsel in den Ohren zu haben, weil man ja auch noch auf Straßengeräusche achten muss.“ Seine Lösung: nur einen Ohrhörer nutzen. Für den, der das nicht möchte, gebe es aber auch einen kleinen, externen Lautsprecher, über den man sich die richtige Route erklären lassen kann.
Allerdings weisen die Geräte, die ursprünglich für Sehende entwickelt wurden, einige Schwachstellen auf. „Die Anweisung ,dritte Straße rechts’ hilft Blinden nicht weiter, wenn die Abzweigungen nicht auch einzeln genannt werden“, kritisiert Menzen. Die Hersteller-Firmen würden Kritikpunkte aber sammeln, um die Mängel ausmerzen zu können.
„So ein Gerät ersetzt für Blinde und hochgradig Sehbehinderte aber nicht das Mobilitätstraining“, warnt Menzen vor zu hohen Erwartungen. Dabei gehe ein Trainer mit den Blinden bestimmte Wege ab und bringe ihnen bei, richtig mit dem weißen Stock umzugehen. „Dabei geht es darum, woran man sich orientieren kann, zum Beispiel dem Bürgersteig, Häusern oder Ampeln, und es werden Wege geübt, die man häufig geht“, erläutert Menzen.
Das Navigationsgerät könne nach einem solchen Training jedoch helfen, sich in fremden Gegenden besser zurecht zu finden. „Ich übe zurzeit noch mit dem Gerät und mache meine Erfahrungen“, sagt Menzen. „Ich würde aber noch nicht so weit darauf vertrauen, damit in gänzlich fremde Gegenden zu gehen.“
Der Blinden- und Sehbehinderten-Verein lädt für Sonntag, 6. Juni, zum Sehbehinderten-Sonntag ein. Der Tag beginnt um 9.45 Uhr mit einem Gottesdienst in der Kapelle an der Höntroper Straße, der von Holger Dirks und Walter Menzen gehalten wird. Anschließend kann man sich von 11 bis 15 Uhr im großen Saal an der Emilstraße mit Blinden und Sehbehinderten unterhalten. Walter Menzen informiert über Augenerkrankungen und stellt Hilfsmittel für Blinde, zum Beispiel das Navigationssystem, vor. Bei Optik Lindenstrauß am Wattenscheider Hellweg stehen außerdem von 12 bis 17 Uhr vergrößernde Sehhilfen zum Ausprobieren bereit.
Immerhin: Wenn man sich verlaufen hat, kann man über die „Wo-bin-ich“-Funktion des Navis seinen Standort bestimmen – und sich dann von „Steffi“ den Weg nach Hause erklären lassen. „Man kann sich auch seine Lieblingsziele als Geo-Tags einspeichern“, sagt Menzen, der diese Funktion gleich genutzt hat, um die Praxis seines Hausarztes als ersten Tag einzugeben.
Nicht zuletzt bietet das Navi eine Auswahl an Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Einkaufszentren und Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel – und hat einen eingebauten MP3-Player sowie ein Radio. „Wir werden weiterhin testen, wie sinnvoll das Navi für unsere Belange ist“, erklärt Menzen. „Im Internet sind auch noch erhebliche Verbesserungsvorschläge von Usern zu finden, aber auf jeden Fall ist das Navi ein Weg, der für uns sehr vielversprechend ist.“
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