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Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid

23.03.2010 | 18:02 Uhr
Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid

Wattenscheid.Die Diagnose traf sie wie ein Keulenschlag: Multiple Sklerose. Selbstmitleid ist allerdings nicht der Weg von Claudia Meßler, damit umzugehen. Sie arbeitet Vollzeit in einem Krankenhaus und versucht, nicht bei jedem kleinen Symptom panisch zu werden.

Angefangen hatte es 1996 ganz harmlos mit einem eingeschlafenen Bein. „Aber das tat ja nicht weh“, erklärt Claudia Meßler, warum sie sich erst keine Gedanken gemacht hat. Doch die Beschwerden ließen nicht nach: „Bald konnte ich mich blutig kratzen, ohne etwas zu spüren.“

Hintergrund
Krankheit mit 1000 Gesichtern

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. Die Symptome sind unterschiedlich: Sehstörungen, Gefühlsstörungen der Haut, Nervenschmerzen oder Muskellähmungen gehören dazu. Ausgelöst wird MS durch Entzündungen an den Markscheiden der Nervenfasern des zentralen Nervensystems. Die Ursache ist nicht genau bekannt.

Als „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ wird die Multiple Sklerose oft bezeichnet, weil sie sehr unterschiedliche Verläufe zeigt. Eine individuelle Prognose ist schwierig: Bei Manchem verläuft die MS gutartig mit wenigen Schüben und geringer Behinderung. Bei anderen führt sie nach mehreren Schüben zu einer zunehmenden Behinderung.

MS hat eine bessere Prognose als allgemein angenommen. Nach einer Dauer von 18 Jahren ist ein Drittel der Kranken noch voll berufstätig oder arbeitet uneingeschränkt im Haushalt. Ein günstiger Verlauf ist vor allem dann zu erwarten, wenn sich die Symptome nach dem ersten Schub weitgehend zurückbilden.

Die Diagnose traf sie kurz darauf wie ein Keulenschlag: Multiple Sklerose. „Im ersten Moment habe ich gedacht: Innerhalb von fünf Jahren sitzt du im Rollstuhl.“ 23 Jahre war die gelernte Hotelfachfrau damals, hatte gerade die erste Stelle in ihrem Traumberuf angetreten. „Das ist das Ende der Welt“, haderte sie mit ihrem Schicksal. „Es war wie für andere Menschen eine Krebs-Diagnose.“

Schnell merkte Claudia Meßler aber: Nach jedem Krankheitsschub gingen die Symptome vollständig zurück. „Ich hatte mich eigentlich damit abgefunden, dass es stetig bergab geht, aber in der Kur habe ich Leute kennen gelernt, die schon im Rollstuhl saßen und jetzt wieder laufen.“ Eines wollte Claudia Meßler auf gar keinen Fall: sich selbst bemitleiden. „Man muss da auch ein bisschen gegen ankämpfen“, sagt sie. „Den ganzen Tag rumsitzen und mir selber Leid tun – das ist nicht meins.“

Ihren Traumjob musste sie dennoch aufgeben, weil ihr die Ärzte geraten hatten, aus dem Stress-Beruf auszusteigen. Doch die Hände in den Schoß legen, das wollte die 37-Jährige auf keinen Fall. „Wenn ich den ganzen Tag zu Hause sitze und darüber nachdenke, wie schlecht es mir geht, dann geht’s mir am Ende wirklich schlecht“, sagt sie resolut. So war sie damals froh, noch nicht genug in die Rentenkasse eingezahlt zu haben: „Zu der Zeit war’s so, dass mit der Diagnose MS jeder sofort verrentet wurde – aber ruhig sitzen ist gar nicht mein Ding.“

Schwierig gestaltete sich allerdings die Jobsuche nach der Umschulung zur Personalfach-Kauffrau: „Ich habe in meinen Vorstellungsgesprächen immer sofort gesagt, dass ich MS habe – und gemerkt, wie viele Vorurteile es gibt. Was mich am meisten geärgert hat: Dass alle denken, die fehlt ständig.“ Mittlerweile arbeitet Claudia Meßler im Essener Elisabeth-Krankenhaus: in Vollzeit auf einer unbefristeten Stelle. „Ich muss zwar alle vier Wochen freitags früher gehen, weil ich zur Infusion muss, aber die Zeit arbeite ich vor“, betont sie.

Neue WAZ-Serie
Kämpfernaturen gesucht

„Bloß kein Selbstmitleid“ ist das Lebensmotto der an Multipler Sklerose erkrankten Claudia Meßler.

Unter diesem Motto möchte die WAZ-Redaktion Menschen vorstellen, die sich von einem ähnlichen Schicksalsschlag nicht unterkriegen lassen: das Kind ist behindert zur Welt gekommen, ein Unfall hat das Leben plötzlich dramatisch verändert, oder die Eltern sind zum Pflegefall geworden. Wie meistern jene Menschen solche elementaren Lebenskrisen? Schreiben Sie uns, wir nehmen Kontakt zu Ihnen auf: WAZ-Redaktion, Hüller Straße 7, oder redaktion.wattenscheid@waz.de per E-Mail.

Beeinträchtigt fühlt sich die 37-Jährige im Alltag nur selten. „Es gibt so Kleinigkeiten, dass es zum Beispiel schwierig für mich ist, zu Fuß in den dritten Stock zu gehen“, sagt Claudia Meßler. „Aber dann nehme ich halt den Aufzug. Ok, es kommt auch mal vor, dass ich abends um acht total müde bin – aber dann gehe ich eben ins Bett.“ Oft versucht sie, ihre Krankheit zu verstecken: „Bevor man einmal um Hilfe bittet, versucht man es tausend Mal selbst“, gibt sie zu. Wie damals, als sie mitten in der Stadt hinfiel – und alle Leute vorbei gingen: „Die haben vielleicht gedacht, ich wäre besoffen.“

Claudia Meßler versucht mittlerweile, sich nicht zu sehr mit ihrer Krankheit zu beschäftigen. „Manche MS-Kranken werden bei den kleinsten Anzeichen eines Schubes panisch. Das versuche ich zu vermeiden. Deshalb bin ich auch in keiner Selbsthilfegruppe.“ Seit zwei Jahren hat sie – auch dank neuer Medikamente – keinen neuen Schub mehr gehabt und blickt zuversichtlich nach vorne: „Ich werd’s noch erleben, dass man herausfindet, warum die Krankheit den einen schlimmer trifft als den anderen.“

Annette Wenzig

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Kommentare
24.03.2010
21:58
Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid
von mausi250974 | #5

Fotos sind Momentaufnahmen.
Ich kenne Frau Meßler, als Schwester, seit 35 Jahren.
Ich bewundere ihren Mut und Ihre Stärke, mit dieser Krankheit, um zugehen.
Auch für mich, war die Diagnose ein Schock.
Ich wollte, aber konnte, ihr nicht helfen.
Wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt.
Aber, die derzeitige, auch berufliche Veränderung, hat meine Schwester so gestärkt, dass ich sie manchmal nicht wieder erkenne.
Sie hat in meinen Augen, den für sich, optimalen Weg gefunden.
Ich bin sehr stolz auf Frau Meßler und kann nur sagen:
Weiter so!!!

24.03.2010
12:53
Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid
von Joram68 | #4

Ich kann als selbst betroffene nur bestätigen, was Frau Meßler schreibt. Ich finde, sie macht alles genau richtig.
Es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken, warum ausgerechnet ich betroffen bin.
Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er mit einer Krankheit, egal welche, umgeht.
Die einen schaffen es gut, die anderen eben nicht so gut und deshalb ist es für manche Menschen gut und wichtig, Selbsthilfegruppen aufzusuchen.
Ich pesönlich gehe auch nicht zu einer SG und mir geht es dabei gut.

Ich wünsche Frau Meißler weiterhin alles Gute und wünsche ihr, dass sie ihre Einstellung beibehält.

24.03.2010
09:20
Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid
von wattsolldattdenn | #3

@guter Mitmensch
Ich glaube,Sie gehen da etwas zu weit.
Jeder sollte für sich entscheiden,was IHM gut tut und was nicht.
Wenn man mit dem Gedanken an eine Gruppentherapie nichts anfangen kann,so ist dies zu akzeptieren.
Alles Andere wäre kontraproduktiv und würde die Erkrankten zusätzlich und unnötig unter Druck setzen.
Gute Ratschläge und Hilfe ja,aber kein Zwang.

24.03.2010
00:36
Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid
von Ein guter Mitmensch | #2

Es ist falsch, nicht in eine Selbsthilfegruppe zu gehen.
Ich kenne Frau Meßler. Wenn das Foto ein aktuelles Foto ist, so bin ich sehr erschrocken.
Kann Frau Meßler nur raten, ihre Krankheit mehr ernst zu nehmen und sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.

23.03.2010
17:45
Schicksal Multiple Sklerose: Bloß kein Selbstmitleid
von rotwang | #1

Interessant, wie sich manche Schicksale und Einstellungen ähneln. Das hier: „Manche MS-Kranken werden bei den kleinsten Anzeichen eines Schubes panisch. Das versuche ich zu vermeiden. Deshalb bin ich auch in keiner Selbsthilfegruppe hätte so auch aus dem Mund meiner Mutter kommen können..

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