Rückblick voller Dankbarkeit
09.04.2010 | 17:37 Uhr 2010-04-09T17:37:00+0200
Wattenscheid.Pfarrer a.D. Walter Menzen (70) verlor mit dreieinhalb Jahren sein Augenlicht. Trotzdem ist er weder verbittert noch kennt er Selbstmitleid. Vor vier Jahren lief der Höntroper sogar beim Ruhr-Marathon mit.
Vielleicht kann man das, was man nicht kennt, auch nicht vermissen. Und vielleicht hat es Walter Menzen (70) deshalb ein wenig leichter als mancher seiner Leidensgenossen: Der Höntroper Pfarrer a.D. verlor sein Augenlicht bereits im Alter von dreieinhalb Monaten. Unterkriegen lassen hat er sich aber nie – und sagt heute: „Ich blicke zurück auf eine Menge von Dingen, die sich glücklich gefügt haben.“
Er ist 2004 den Ruhr-Marathon gelaufen, nimmt noch immer regelmäßig an Laufveranstaltungen teil, fährt Fahrrad – und hat während seiner Zeit als Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Höntrop Jugend- und Erwachsenenreisen in viele europäische Länder geleitet. Herausforderungen nennt Walter Menzen das. Hat er nie mit seinem Schicksal gehadert? „Doch, für Momente“, gibt er zu. „Man geht da nicht immer gleichmütig durch.“
Selbstmitleid ist dem 70-Jährigen aber fremd – vielleicht auch, weil seine Eltern von Anfang an darauf geachtet hatten, dass er möglichst dasselbe lernte wie sehende Kinder. So kurvte der kleine Walter wie seine Spielkameraden mit dem Fahrrad durch die Gegend. „Dabei bin ich auch mal gegen ein parkendes Auto geprallt“, erinnert er sich schmunzelnd.
Der Moment, in dem er deutlich merkte, dass er anders als die anderen Kinder ist, kam erst später: „Ich war genau drei Tage auf der normalen Volksschule – aber das hatte gar keinen Sinn.“ So ging Walter Menzen aufs Blinden-Internat in Soest, „bis ich gedacht habe, ich möchte wie mein Bruder Abitur machen“. Gemeinsam mit sehenden Kindern hat er schließlich in seiner Heimatstadt Herdecke das Abi gebaut – mit Hilfe der Familie. „Es gab ja noch keine so tollen Hilfsmittel wie heute“, sagt Menzen. Deshalb habe ihm seine Mutter den Lernstoff oft vorlesen müssen.
Durch die evangelische Jugend hat er dann den Anstoß bekommen, Theologie zu studieren. „Die Kirchenleitung war sich anfangs nicht so sicher, ob sie mich aufnehmen wollte“, erinnert sich Menzen, der sich aber nicht so leicht abwimmeln ließ. Das Theologie-Studium meisterte er zum Großteil mit Hilfe seines guten Gedächtnisses: „Es zu trainieren, darauf wurde in der Blindenschule viel Wert gelegt.“
Nach dem zweiten Staatsexamen wurde Walter Menzen zur Landeskirche nach Bielefeld einbestellt: „Man hatte dort einen Beschäftigungsauftrag in irgendeiner Einrichtung für mich im Sinn, aber das wollte ich nicht. Ich wollte eine eigene Gemeinde.“
Die wurde – und blieb – Wattenscheid-Höntrop, wo Menzen heute noch lebt. „Für die Gemeinde war das natürlich neu, einen blinden Pfarrer zu haben“, erzählt Menzen, „aber es waren alle sehr offen und es hat von Anfang an alles gut geklappt.“ Er habe halt, wenn er seine Schäfchen zu Hause aufsuchte, viel organisieren müssen. „Auch dabei war mir mein gutes Gedächtnis eine große Hilfe – ich habe es als Geschenk erlebt.“
Die viele Organisation ist es aber auch, die den Pfarrer a.D. mitunter etwas nervt. „Manchmal hat man das Gefühl der Abhängigkeit, weil man vieles nur mit Hilfe anderer kann“, gibt Walter Menzen zu. „Ich kann nicht einfach sagen: Heute ist schönes Wetter, jetzt gehe ich joggen. Es sind immer Absprachen nötig – und das ist halt manchmal ein wenig nervig.“ Selbstmitleid lässt er trotzdem nicht aufkommen. „Da hat man ja nichts von, da schadet man sich nur selbst.“ Manches sei zwar störend und hinderlich, „aber das muss man akzeptieren. Nicht immer voll Freude, aber ich bin stets gut damit klar gekommen. Und deshalb habe ich auch eine ganze Menge Dankbarkeit in mir.“
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