Kindesentziehungen
Neue Kultur des Hinguckens
29.07.2010 | 16:22 Uhr 2010-07-29T16:22:00+0200
Wattenscheid.Deutlich mehr Kinder als im gesamten Vorjahr hat das Bochumer Jugendamt in den ersten sieben Monaten diesen Jahres aus ihren Familien holen müssen.
Ein Trend, den Uwe Lührs vom Sozialen Dienst des Amtes auch für Wattenscheid bestätigen kann. „Wir gehen davon aus, dass diese Tendenz sich fortsetzen wird. Wir haben hier Ballungsräume, die kritischer sind als anderswo“, erklärt Lührs. Die Zunahme der so genannten „Kindesentziehungen“ sei aber vorrangig auf eine neue „Kultur des Hinguckens“ zurückzuführen. „Die Fälle Kevin oder Justin haben alle schockiert – dadurch wird wohl mehr hingeschaut“, sagt der Diplom-Sozialarbeiter. Nicht nur Großeltern sondern auch Nachbarn seien aufmerksamer geworden: „Es wird nicht mehr als Denunzierung angesehen, sondern man sieht in erster Linie, dass sich ein Kind in Not befindet.“
Das Jugendamt gehe nicht nur jedem Hinweis nach, sondern arbeite auch eng mit der Polizei zusammen. So erfahre man beispielsweise von kritischen Situationen in Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. „Dem gehen wir dann noch einmal nach.“ Auch das Kinder-Notruf-Telefon sei „eine Geschichte, die ab und an greift“, erklärt Lührs.
Parallel zu der Zunahme der Kindesentziehungen sei eine Verschlechterung der häuslichen Situation in vielen Familien zu beobachten: Viele Familien lebten in Armut, hinzu kämen bei vielen Eltern Faktoren wie psychische oder Sucht-Probleme. „Das heißt aber nicht, dass jeder, der wenig Geld hat, sein Kind misshandelt“, betont Lührs.
Bis Mitte Juli diesen Jahres hat das Bochumer Jugendamt nach gerichtlichem Antrag mehr als 50 Kinder aus ihren Familien holen müssen. 2009 waren es im ganzen Jahr 47 Kinder.
Mit vielen verschiedenen Angeboten versuche das Jugendamt, den Eltern zu helfen – um letztlich auch der Prämisse gerecht zu werden, Familien möglichst zu erhalten oder wieder zusammen zu führen. „Wir haben große Netzwerke aufgestellt“, erklärt Uwe Lührs. Da gebe es die Sozialraumkonferenzen, die regelmäßig stattfinden. Vertreten seien Schulen, Kindergärten, das ambulante Hilfezentrum am Centrumplatz, Kliniken, der Verein „Die Brücke“ oder die Schuldnerberatung. „Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen“, sagt Lührs. „Ganz wichtig ist, dass wir mit den Institutionen in Kontakt sind, wo Kinder täglich hingehen, also Kindergärten und Schulen.“
Muss ein Kind aus der Familie geholt werden, sucht das Jugendamt nach einem geeigneten Unterbringungsort. „Das können Verwandte oder die Großeltern sein“, erklärt Lührs, „aber auch Bereitschaftspflegefamilien.“ Manche Kinder hätten aber derartige Entwicklungsdefizite, dass sie in eine Kinderdiagnosegruppe kämen.
Um einer solchen Unterbringung vorzubeugen, setzt das Jugendamt präventiv an: „Zum Beispiel mit dem Begrüßungsteam der Stadt“, so der Diplom-Sozialarbeiter. „Ein positives Resultat ist ja schon einmal, das sich alle besuchen lassen.“ Zudem setze man darauf, frühzeitig Hilfestellung zu geben – zum Beispiel durch Elterntraining. „Es geht darum, die Kinder zu schützen und Familien Hilfsangebote zu machen.“ Rund 150 ambulante Fälle zählt Lührs: „Die Kinder leben in ihren Familien und werden ambulant betreut.“ Dabei werde auch eine sehr markante Kontrolle ausgeübt. „Das ist der Spagat zwischen Hilfeleistung, Kontrolle und Kinderschutz.“
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