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Nach dem Bruch im Leben

29.04.2009 | 18:37 Uhr

Körperlich krank sind die Patienten, die Sandra Gross und Uwe Gutsch von der Diakoniestation des Martin-Luther-Krankenhauses bis zu zweimal täglich besuchen, nicht: Sie leiden an Depressionen, Psychosen, Neurosen oder an Demenz, sind nicht in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen.

Waschen, Körperpflege oder Verbände wechseln gehört somit auch nicht zur Arbeit der beiden Fachkrankenpfleger für Psychiatrie. Ihre Arbeit ist die ambulante psychiatrische Krankenpflege. „Wir leisten eine an den Kompetenzen der Patienten orientierte Alltagsbegleitung im häuslichen Bereich”, erklärt Sandra Gross. Ziel dieser Arbeit ist es, chronisch psychisch erkrankten Menschen neue Aufenthalte in der Psychiatrie zu ersparen, sie wieder ins häusliche Umfeld zu integrieren, ihnen bei der Bewältigung des Alltags zu helfen.

„Bei psychischen Erkrankungen dauern Klinikaufenthalte deutlich länger als bei körperlichen. Das ist immer ein Bruch im Leben”, weiß Uwe Gutsch. „Man benötigt anschließend Unterstützung.” Sei es bei der Tages- und Wochenstrukturierung, bei der Medikamenteneinnahme, beim Arztbesuch oder der Suche nach einer Selbsthilfegruppe.

„Oft unterstützen wir die Patienten auch beim Angst-abbau”, erklärt Petra Sonnenschein, Leiterin der Diakoniestation am MLK. „Ziel ist es, dass sie wieder selbst rauskönnen, keine Angst mehr haben, auf die Straße zu gehen.” Die meisten Patienten mit psychischen Erkrankungen, wissen die Fachpfleger, leben sehr isoliert, werden sogar von ihren Nachbarn gemieden. „Dabei ist es wichtig für die Patienten, dass die Gesellschaft merkt: Auch wenn ich unter einer Psychose leide, kann ich nach erfolgreicher Behandlung wieder ganz normal sein”, sagt Sandra Gross. „Aber dieser Bereich wird stigmatisiert.”

Dabei ziehen sich psychische Erkrankungen quer durch alle Gesellschaftsschichten und alle Altersgruppen: „Das sind zum Beispiel junge Menschen mit Problemen im Bereich der Aggressionsbewältigung, Menschen mittleren Alters, die mit dem Druck des Arbeitslebens nicht zurechtkommen oder auf den Auszug der Kinder mit Depressionen reagieren”, zählt Petra Sonnenschein auf. Oder es sind alte Menschen mit Demenzerkrankungen: „Viele Angehörige wissen gar nicht, dass man neben der pflegerischen Grundversorgung auch etwas für die Seele tun kann”, sagt die Leiterin der Diakoniestation.

Enorme Kostenersparnis

Dabei würden gerade bei demenziellen Erkrankungen beispielsweise Kriegserlebnisse noch einmal durchlebt. „Daran scheitern pflegende Angehörige häufig und wissen gar nicht, dass sie sich Hilfe holen können.” Zehn Prozent der Patienten der Diakoniestation seien rein psychiatrische Fälle, „aber 50 bis 60 Prozent sind Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, bei denen wir aber keine psychiatrische Pflege durchführen dürfen – obwohl es den Leuten gut tun würde”, sagt Petra Sonnenschein.

In Deutschland stecke die ambulante psychiatrische Pflege allerdings im Gegensatz zu skandinavischen Ländern noch in den Kinderschuhen, bemängelt Uwe Gutsch: „Die Kassen gewähren sie nur für vier Monate.” Dabei könne die ambulante Hilfe enorme Kosten sparen: „Ein Aufenthalt in der Psychiatrie kostet im Schnitt 30 000 Euro pro Patient”, weiß der Pfleger, „dafür könnten wir ihn fast ein Jahr ambulant betreuen und eventuell Krisen vermeiden.”

Annette Wenzig

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