Klümpkes bleiben Kassenschlager

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Wattenscheid..  Die Trinkhalle gehört zum Ruhrpott wie Kohle, Stahl und Taubenschlag. Sie ist ein bisschen Folklore, und wie alle anderen genannten Assoziationen verschwindet auch der Kiosk langsam aber sicher von der Bildfläche. Nicht so an der Hammer Straße: Dort betreibt Thorsten Schuhr seit 25 Jahren seine „Bude“, und damit länger, als er selbst anfänglich für möglich hielt.

Denn eigentlich wollte Schuhr Feuerwehrmann werden, machte zunächst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, um die dafür notwendige, technische Grundlage zu schaffen. Aus körperlichen Gründen wurde aus dem Traumberuf doch nichts. „Meine Mutter führte zwei Trinkhallen, ein Bekannter vier. Schon als Kind habe ich ausgeholfen – und fand das klasse“, schildert Schuhr. Im Alter von 21 Jahren hat er sich dann eben für den anderen Beruf entschieden, der ebenso seine Begeisterung wecken konnte; und machte sich selbstständig.

Flirten und Verkaufen

Was den Job für ihn ausmacht? „Der Arbeitsplatz ist warm, man kann die Zeitung durchblättern, kommt mit den Kunden ins Gespräch und mit den Kundinnen lässt sich gut flirten.“ Logisch, wie er seine Freundin kennengelernt hat. An der Hammer Straße stellt die Trinkhalle Treffpunkt und Kommunikationsdrehscheibe zugleich dar: „Hier erfährt man, wer gestorben ist.“ Was bereits 1990 galt, wandelte sich bis dato nicht.

Andere Dinge gaben sich hingegen längst dem Zeitgeist geschlagen. Früher bot der Kiosk die Möglichkeit an, Wäsche für die Reinigung entgegenzunehmen, kaputte Treter zum Schuster zu bringen. Ein Videoverleih scheint heute genauso undenkbar, wie auch das Zeitungsgeschäft nicht mehr mit „Früher“ zu vergleichen ist.

Stückartikel, also Klümpkes, laufen dagegen wie eh und je. „Manche Kunden kommen extra nur dafür“, sagt Schuhr. 50 Bonbondosen gingen monatlich zur Neige. Neben den Süßigkeiten weiß aber der Jubilar einen entscheidenden Vorteil auf seiner Seite, den nicht jede „Bude“ ohne Weiteres bieten kann: den Standort. „Der Laden liegt ein bisschen abseits. Zuerst dachte ich, das wäre ein Nachteil. Aber für eine Tüte Milch fährt nicht jeder zum Discounter.“

Zu Thorsten Schuhr kommen die Nachbarn dagegen umso lieber für Kleinigkeiten. Vom Klopapier bis zum Duschgel ist seine Angebotspalette breit gefächert. Peter Winning (67) etwa holt sich gern mal zwei Flaschen Bier, verzehrt diese dann im Hobbygarten um die Ecke. „Ich bin seit den Anfangsjahren Kunde. Inzwischen kenne ich auch alle Verkäuferinnen, und sie kennen mich. Der Kiosk hat etwas familiäres – und ist die einzige Einkaufsmöglichkeit in der Nähe.“

So hofft nicht nur Peter Winning, dass auf die ersten 25 Jahre viele weitere folgen. „Ich mache erst Schluss, wenn’s nicht anders geht“, versichert Schuhr. Damit nicht auch die Hammer Straße ihr Traditions-Büdchen missen muss.

Budenzauber hat Tradition im Pott

Kioske gab es früher in Wattenscheid – wie in anderen Städten auch – reichlich. Fast an jeder Ecke befand sich einer, gut zu Fuß zu erreichen: von zu Hause aus, auf dem Heimweg von der Arbeit oder von der Schule. Wer erinnert sich nicht daran, früher als Kind dort gewesen zu sein, um für eine Mark Salmiakpastillen zu kaufen... Süßigkeiten, Zigaretten, Getränke und Knabbereien, manche hatten (und haben) ein halbes Supermarktsortiment auf engem Raum.

Die Büdchen waren und sind auch Treffpunkte, man hört die neusten Geschichten und Gerüchte aus der Nachbarschaft. Wer zur Bude geht, will oftmals nicht nur einkaufen, sondern reden, schwatzen, sich austauschen. Gemischte Gefühle treffen auf gemischte Tüten.

Doch obschon das Ruhrgebiet immer noch die größte Trinkhallendichte Deutschlands aufweist, sind viele Kioske längst verschwunden – abgerissen oder als Wohnraum genutzt. Mit dem Wandel geht auch immer ein Stück Tradition verloren.

Wer Erinnerungen oder Geschichten über bestehende oder schon längst nicht mehr existierende Büdchen zu erzählen hat (gerne auch mit Foto), kann dies der WAZ-Redaktion mitteilen (per Post an die Hüller Straße 7, 44866 Bochum, oder per Mail an redaktion.wattenscheid@waz.de). Die WAZ wird die schönsten Anekdoten sammeln und veröffentlichen.