Kioske wecken Erinnerungen

Kioske haben Tradition im Ruhrgebiet.
Kioske haben Tradition im Ruhrgebiet.
Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services

Wattenscheid..  Der Aufruf der WAZ an die Leser, über Kioske zu berichten, förderte viele alte Erinnerungen zu Tage.

So schreibt Sabine Durdel-Hoffmann: „Die Eppendorfer Selterbuden waren zu meiner Kinderzeit in den 1960er Jahren wahre Institutionen und Ziel vieler Wünsche und sie waren fest in den Händen von echten Power-Frauen. Die wussten viel, die kannte jeder: Frau Kemmerling inne Bude auffe Gartenstraße, Frau Koch inne Bude In der Mark und – ihren Namen habe ich vergessen – die hinter dem Schiebefenster thronende Regentin der Bude am evangelischen Friedhof in der Holzstraße.

Wenn die Omma dem Oppa die frisch gewaschene Bettwäsche auf den alten Kinderwagen lud, durfte ich mit zur Heißmangel neben dem Friedhofseingang. Oppa machte immer den nicht autorisierten Schlenker anne Bude auf der anderen Seite: Für zwei Pfennich Klümpkes! Die Regentin hatte Mitleid mit dem tatsächlich nur geizigen Oppa. Zwei Pfennich! Dat dünne Kind! Und gab vier Klümpkes, die haben wir uns auf’m Rückweg geteilt, aber nix der Omma sagen.

Frau Koch ging mit der Zeit, hatte den Trend erkannt, fror Plastiktüten mit farbigem Inhalt zu Wassereis – bis die Erlaubnis und zehn Pfennig dazu gegeben wurden, musste es aber schon sehr heiß sein. Alle fünf Minuten vonne Gartenstraße mit dem Klapprad In der Mark hoch, vorher jedes Mal zu Hause Bescheid sagen: Ehmt zu Frau Koch! Is schon hart? Nee, noch nich, noch zehn Minuten. Zehn Minuten können lang sein.

Bei Frau Kemmerling gab es vor allem das bunte Heft mit Star-Schnitt, der kam an die Wand überm Bett. Zum Zigarettenkauf wurde die ältere Schwester der Freundin mit dem gesammelten Kleingeld vorgeschickt, die sah doch schon ganz erwachsen aus. Tja, Pech: Frau Kemmerling kannte natürlich das wahre Alter aller Blagen der Nachbarschaft und rückte keine raus.“ (die Buchautorin konnte im Titel „War dat lecker – Ruhrgebiet“ das Thema Kiosk übrigens kurz streifen).

Kiosk-Gedicht

Werner Siepler (Mitglied im Künstlertreff Wattenscheid) verfasste das Gedicht „Kioske im Ruhrgebiet“, darin heißt es unter anderem: „Nicht nur Geschäfte im Revier ihre Pforten schließen, weil Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden sprießen, auch Kioske es nicht mehr in großer Anzahl gibt, obwohl der Ruhri diese Büdchen nach wie vor liebt.

Zu Zeiten der Industrialisierung sie entstanden, rasanten Zuspruch fanden. Das Ruhrgebiet bis heute als Hochburg der Kioske gilt, leider gehören nur noch wenige zum Bild.

Ihr Angebot reicht von den süßen ,Klümpchen’ und sauren Drops, über die Rauchwaren, den Alkohol bis hin zum Rollmops. Die Öffnungszeiten sind flexibel und nicht reglementiert, einkaufen nach Ladenschluss recht problemlos funktioniert.

Besondere Speisen gibt es am Büdchen jedoch nicht, Frikadellen sind größtenteils das einzige Gericht. Ganz früher konnten Kunden sogar auch Soleier essen, sie zählten zu den alternativen Delikatessen.

So hält die Anziehungskraft der Büdchen ungemindert an, weil man hier etwas kaufen und mit anderen reden kann. Einen Gesprächspartner zum Ratschen jederzeit schnell findet, letztendlich Nützliches mit dem Angenehmen verbindet.

Schon früher standen Kumpel nach der Schicht am Büdchen Spalier, spülten den Kohlenstaub aus ihrer Kehle mit Schnaps und Bier, diskutierten voller Leidenschaft über Gott und die Welt und fachsimpelten, ob ihr Fußballverein die Klasse hält.

Jedes Büdchen ist ein Kultort mit gewissen Charme und Chic, für manchen Ruhri oft eine Liebe auf den ersten Blick. Deshalb ist zu hoffen, dass kein Büdchen rote Zahlen schreibt und als eine Kultstätte dem Ruhrgebiet erhalten bleibt.“

Alte Trinkhalle

Wo stand wohl dieser Kiosk? Das fragt Alfred Winter und schickte ein Schwarzweiß-Foto einer ehemaligen Trinkhalle (die kaum noch erkennbare Werbung von Auto Buthe, der Betrieb mit Tankstelle lag an der heutigen A40, könnte vielleicht ein Hinweis sein). Die Zahl der Kioske ist in den letzten Jahrzehnten gesunken. Alfred Winter schreibt, dass es im Jahre 1950 23 Trinkhallen in Wattenscheid gab.