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Keine gute Zeit für Madagaskar

13.12.2007 | 18:15 Uhr

Bei den Beisenkamp-Lerchen ist Zwergpapagei Coco Hahn im Korb. Wöchentlicher Singekreis der "Lichtblicke" stärkt auch im Advent das Erinnerungsvermögen und macht betagten Menschen Spaß

Hör ich die Nachtigall oder ist es die Lerche? Coco pfeift auf Romeo und Julia, zeigt dem Singekreis im Alten- und Pflegeheim am Beisenkamp den viel zitierten Vogel und krächzt: "Hilfe, Schwester!" Trotz des ungehörig klingenden Zwischenrufs ist die 35 Jahre alte Gelbstirn-Amazone im Kreis der hoch betagten Beisenkamp-Lerchen Hahn im Korb. Was soll ein Zwergpapagei auch schon mit deutschen Weihnachtsliedern anfangen? Da gefällt ihm "Wir lagen vor Madagaskar" besser. Doch dieses Lied ist zu Cocos Leidwesen derzeit verbannt. Es ist halt Advent!

Seit sechs Jahren betreuen Brigitte Stratmann (67) und Christa Bendixen (60) vom ökumenischen Besuchsdienst "Lichtblicke" die Beisenkamp-Lerchen. Den Namen für den Singekreis haben die beiden Damen mit Bedacht gewählt. Brigitte Stratmann erläutert: "Die Lerche jubelt, und wenn man sieht, wieviel Freude ältere Menschen beim Singen empfinden, wie ihr Erinnerungsvermögen dadurch angeregt wird, ihre Augen plötzlich strahlen, dann ist der Begriff durchaus treffend gewählt."

Nach Jahreszeiten gestalten die beiden "Lichtblicke" das Programm für ihren wöchentlichen Singekreis. Zwei Dutzend Frauen und eine Handvoll Männer haben sich gestern im großen Saal, wo auch Cocos Käfig steht, eingefunden. Brigitte Stratmann fragt in die Runde: "Will einer von euch Schnee zum Fest haben?" Natürlich wünschen sich das alle, denn als die Beisenkamp-Lerchen noch Jungvögel waren, da rieselten in der Regel wintertags die Flöckchen und Weißröckchen, und "Klimawandel" war in den Kindertagen der Altenheim-Bewohner ein Fremdwort.

"Leise rieselt der Schnee", ist das erste Lied, das die beiden "Lichtblicke" mit ihrem Singekreis anstimmen. "Der Anfangston muss immer so sein, dass auch wirklich alle mitsingen können", verrät Brigitte Stratmann. "Jetzt muss der Bass mal ein bisschen mehr aus dem Quark kommen", fordert die 67-Jährige vor der zweiten Strophe von Heinrich Beil (85). "Der kann das", sagt Brigitte Stratmann, denn sie weiß: "Der Mann war aktiver Chorsänger."

Zwischen "Oh Tannenbaum", "Ihr Kinderlein kommet", "Lasst uns froh und munter sein", "Süßer die Glocken nie klingen" und "Vom Himmel hoch, das komm ich her" trägt Christa Bendix Gedichte und Geschichten zur Weihnacht vor. Die Beisenkamp-Lerchen sind nicht nur beim Liedgut äußerst textsicher, sondern auch bei der Literatur, die ihre "Lichtblicke" ausgewählt haben. Brigitte Stratmann wundert sich, als Elisabeth Budde (93) plötzlich einen Text fortsetzt. "An die vierte Strophe haben wir gar nicht mehr gedacht", müssen die beiden Oberlerchen staunend gestehen.

Und dann weht plötzlich vor dem inneren Auge der Duft von Bratäpfeln durch die Luft. Die Beisenkamp-Lerchen erinnern sich gerne an den Gaumenschmaus aus jenen Tagen, als sich Familien um den Kohlenherd scharten, wo meist Schmalhans Küchenmeister war. "Vor der Bescherung wurden Taschentücher über die Klinken gelegt, damit wir nichts vom Baum und Gabentisch sehen konnten", erzählt Elisabeth Budde. Dann brummt Heinrich Beil mit seinem Bass: "Und wer trotzdem durchs Schlüsselloch gespinkst hat, hatte am nächsten Tag ein Gerstenkorn."

Von Ferdi Dick

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