Japan-Heimkehrer aus Höntrop spricht über sein schlechtes Gewissen
16.03.2011 | 18:06 Uhr 2011-03-16T18:06:00+0100
Wattenscheid. Jannick Holze (20) war für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Japan. Über seinen überstürzten Rückflug und sein Gefühl, seine Freunde im Stich gelassen zu haben, sprach der Höntroper mit Redakteurin Annette Wenzig.
Sein Freiwilliges Soziales Jahr in einem integrativen Kindergarten im japanischen Sapporo sollte eigentlich noch fünf Monate dauern. Über seine Erlebnisse in Japan und sein Gefühl, seine japanischen Freunde im Stich gelassen zu haben, sprach Jannick Holze (20), der seit Montag wieder zu Hause in Höntrop ist, mit Redakteurin Annette Wenzig.
Wie haben Sie das Erdbeben in Japan erlebt?
Jannick Holze: Wir waren zu der Zeit des Bebens in Hiroshima – damit hatten wir totales Glück, weil wir im sicheren Süden waren. Uns hat dort ein Kiosk-Besitzer gefragt, ob wir von dem Erdbeben gehört hätten. Da war aber noch nicht klar, wie stark das Beben war. Ich habe sofort nachgefragt, was in Sapporo los ist – da gab es auch nur ein leichtes Beben. Da war die Sache für mich erst einmal gegessen.
Wann haben Sie vom wahren Ausmaß der Katastrophe erfahren?
Holze: Abends im Hotel. Aber in den japanischen Medien war erst nur die Rede von vier Toten. Die Japaner haben auch keine Bilder über die Explosion im AKW Fukushima gezeigt – das habe ich erst im Internet gesehen. Die Gefahr war anfangs noch gar nicht ersichtlich. Bei uns war Friede, Freude, Eierkuchen.
Wie kam es dann zu Ihrem schnellen Rückflug?
Holze: Die Infos über Fukushima waren der Anlass, dass unsere Organisation, die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste, uns geraten hat, nach Hause zu fliegen. Wir haben dann diskutiert unter den Freiwilligen. Keiner von uns wollte zurück, wir wollten unsere Freunde nicht im Stich lassen. Den Rückflug mussten wir selbst organisieren – das hat meine Familie für mich gemacht. Ich hatte zwei Flüge zur Auswahl: direkt am nächsten Tag oder erst dienstags – und habe meinen Eltern gesagt, dass ich auch Dienstag fliegen kann. Ich war mir der Gefahr gar nicht bewusst.
Waren Sie vor Ihrem Rückflug noch in Sapporo?
Holze: Nein, da liegen noch meine ganzen Sachen und mein Snowboard-Equipment, für das ich mein ganzes Geld ausgegeben habe. Als ich meinem Chef dort gesagt habe, dass ich zurückfliege, meinte er: Es ist nicht gefährlich. Da kommt man wieder ins Grübeln.
Was ist es für ein Gefühl, wieder hier zu sein?
Holze: Die ganze Situation hier ist komisch für mich. Manchmal denke ich: Warst du jetzt wirklich in Japan? Und dann frage ich mich: Was machst du jetzt? Bist du jetzt arbeitslos?
Über die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd), die Jannick gemeinsam mit dem deutsch-japanischen Friedensforum den Aufenthalt in Japan ermöglicht haben, kann man die Erdbebenopfer in Japan mit Spenden unterstützen: Internationale Jugendgemeinschaftsdienste, Bank für Sozialwirtschaft Berlin, BLZ: 100 20 500, Konto-Nummer 311 75 00. Info: www.ijgd.de
Und Sie haben ein schlechtes Gewissen.
Holze: Ja. Es ist zwar genau das eingetreten, was wir befürchtet haben – also müsste ich eigentlich keine Gewissensbisse haben. Und im Grunde wäre ich dort auch nur ein Zivilist, der gerettet werden müsste. Helfen könnte ich ja nicht. Aber dann telefoniere ich mit Freunden, die von Hamsterkäufen erzählen und dass sie Bekannte in Fukushima nicht erreichen – da ist das schlechte Gewissen wieder da.
Was erzählen Ihre Freunde?
Holze: Man merkt schon ein bisschen die Verzweiflung – Japaner teilen einem das nicht so mit, aber man merkt an der Art der Erzählung, dass eine Beunruhigung da ist.
Glauben Sie, dass Sie noch einmal nach Japan zurückkehren werden?
Holze: Ich hoffe! Ich will ja unbedingt zurück. Aber wenn die Reaktoren in Fukushima wirklich durchschmelzen, dann ist es wohl endgültig vorbei mit einer Rückkehr.
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