„Hier stimmte immer die Nähe“

Vorstand Aktion „Bürgerwille“: Klaus Steilmann, Günter Ritter, F. Scharpenack, Jost Benfer, Jörg Haase (v.l.)Foto:Repro/Kruppe
Vorstand Aktion „Bürgerwille“: Klaus Steilmann, Günter Ritter, F. Scharpenack, Jost Benfer, Jörg Haase (v.l.)Foto:Repro/Kruppe
Was wir bereits wissen
Eingemeindung Wattenscheids vor 40 Jahren: Gespräch mit Dr. Jost Benfer über das Damals aber auch das Heute. „Nur noch ein Vorort von Bochum“

Wattenscheid..  Es hätte klappen können: Davon ist Dr. Jost Benfer, Jurist und „Hobby-Historiker“ (wie er sich selbst bezeichnet), fest überzeugt. Gemeint ist die Selbstständigkeit der Stadt Wattenscheid. 1975: Eingemeindung – vor nunmehr genau 40 Jahren. Die WAZ sprach über das Damals und das Heute mit dem Eingemeindungs-Gegner und Aktivist im Kettwiger Kreis.

Das Heute: „Ich bin davon überzeugt, dass Wattenscheid als selbstständige Stadt heute in keinem Fall schlechter dastehen würde, als es jetzt der Fall ist.“ Selbstredend wäre die industrielle Veränderung auch vonstatten gegangen, wenn Wattenscheid eigenständig geblieben wäre. „Die Selbstständigkeit hätte das Zechensterben nicht verhindert. Und auch nicht, dass viele Betriebe kaputt gegangen sind.“ Doch allein durch eine kleinere Verwaltung, ein überschaubareres Rathaus als das Bochumer, hätte in Wattenscheid vieles besser, schneller und unbürokratischer geregelt werden können. „Hier stimmte immer die Nähe.“

Das Revier als Großes, als Ganzes

Heute sei Wattenscheid nur noch ein Vorort von Bochum. „Es ist müßig zu sagen, es wäre alles besser, wenn...“ Doch spüre man allein an den Investitionen, die Bochum in Wattenscheid tätige, das Wattenscheid ein Vorort ist. Eine Selbstständigkeit hätte garantiert, dass Wattenscheider Mittel auch in Wattenscheid ausgegeben worden wären.

Jost Benfer ärgert sich – immer noch. Etwa darüber, dass die Eingemeindung einst auf „subtile Art und Weise von der Politik, der damaligen SPD-FDP-Landesregierung, eingestielt worden ist.“ Es sei argumentiert worden, dass bei einer Eingemeindung zu Bochum „alles verwaltungstechnisch einfacher“ würde. „Das stimmt einfach nicht. Und auch heute nicht.“ Auch sei damals gesagt worden, eine Stadt müsse mindestens 200 000 Einwohner haben, um effizient zu sein. „Auch das ist falsch. Die Landesregierung damals wusste, dass die (Verwaltungs-)Kosten auf Dauer nicht gesenkt, sondern vielmehr gesteigert werden.“

Und Benfer ärgert sich ebenfalls – auch heute noch – ,, dass man sich so locker über unsere Argumente hinweggesetzt hat, wir belächelt wurden.“ Er fragt: „Warum brauchen wir heute so viele Konzerthäuser – hier und ringsum in den Nachbarstädten? Das kostet Geld – viel Geld.“ Ein Verständnis des Reviers als Großes, Ganzes, in dem Wattenscheid als eigenständige Kommune (mit-)wirkt, ein Teil dessen gewesen wäre, hätte gut funktionieren können. Benfer gibt zudem zu bedenken, dass Wattenscheid 1974 die einzige kreisfreie Stadt in NRW war, die eingemeindet worden ist.

Mit der Eingemeindung 1975 war der Kampf um die Selbstständigkeit längst nicht vorbei, fing eigentlich erst richtig an. Auch in anderen Ex-Städten brodelte es: in Kettwig, Rheinhausen, Rheydt, Porz und Hohenlimburg. Diese Stimmungslage mündete 1983 in ein Treffen der „Reformwilligen” in Kettwig, wo der Kettwiger Kreis gegründet wurde. Doch auch dieses Hinwirken auf eine Rückgemeindung blieb erfolglos.