Erleben, was die anderen lernen
17.01.2012 | 17:51 Uhr 2012-01-17T17:51:00+0100
Geschlagene drei Minuten lang präpariert Corinna ihre Hände, wäscht, desinfiziert sie. Gründlich. Dann erst darf die angehende Medizinische Fachangestellte den OP-Raum betreten, die OP-Kleidung auspacken – immer schön auf links anfassen, damit keine Keime auf die Außenseite der grünen Hemden dringen – und sich selbst, den OP-Helfern und den Operateuren die Sterilkleidung anlegen. Selbstredend bereitet sie auch den OP-Tisch vor. Und natürlich alles mit hygienisch einwandfreien Handschuhen. Sie weiß genau, dass alles perfekt sein muss, wenn der Chef den Nabel- oder Leistenbruch, den eingeklemmten Nerv behebt oder eine Bauch-Operation beim Patienten vornimmt.
Corinna Brüggemann beherrscht die Technik quasi aus dem Effeff und ist dabei noch mühelos in der Lage, ihre Mitschülerin Sabrina Resch anzuleiten, wie die Kittel mit den Bändern von innen anzulegen sind und was es mit dem Operationsbesteck auf sich hat. Dabei erklärt sie den übrigen 16 Kolleginnen die Vorgehensweise. 18 Schülerinnen des Wattenscheider Klaus-Steilmann-Berufskollegs, allesamt aus der Oberstufenklasse AO 3 und kurz vor der Abschlussprüfung, hatten gestern die Gelegenheit, in der chirurgischen Gemeinschaftspraxis Dr. Kirchner/Dietrich, direkt am Elisabeth-Krankenhaus in Bochum gelegen, gemeinsam vor Ort hautnah den Berufsalltag der Mitschülerin Corinna zu erleben. „Dieses Pilotprojekt“, so Klassenlehrerin Kathleen Lüttmann, ebenfalls studierte Ärztin, „könnte damit in Serie gehen.“ Erstmals hatten die Kolleg-Schülerinnen gestern die Chance, gemeinsam eine solche Praxis vor Ort zu erleben. Eine Labor-Praxis indes wird bereits regelmäßig besucht.
Lüttmann klärt auf: Patienten bei kleinen chirurgischen Behandlungen zu begleiten und Wunden zu versorgen, sei Gegenstand des zu erlernenden Oberstufenstoffes. Die Lehrerin: „Was liegt da näher, als die Theorie mit dem praktischen Handeln zu verbinden und das Erlebte in der schriftlichen als auch in der praktischen Abschlussprüfung anzuwenden.“ Und diese Prüfungen stehen den Schülerinnen im April und Mai bevor.
Haben sie bestanden, sind sie ausgebildete Medizinische Fachangestellte, die sowohl in Arztpraxen, als auch in Krankenhäusern – oder auch deren Verwaltungen – arbeiten können. Laut Lehrerin Lüttmann sei diese Erfahrung vor Ort deshalb so wichtig, „da die Auszubildenden nicht alle in Hausarztpraxen mit breitem Behandlungsspektrum ausgebildet werden, sondern viele Schülerinnen ihre Ausbildung in unterschiedlichen, oft sehr spezialisierten Facharztpraxen absolvieren.“
Fachübergreifende, praktische Erfahrungen seien daher sowohl für die Prüfung zur Medizinischen Fachangestellten als auch für die weiteren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten von großer Bedeutung. Drei Jahre lang drücken die Schülerinnen – im gesamten Fachgang gibt es nur einen männlichen Auszubildenden, bedauert Lehrerin Lüttmann – die Kollegbank und lernen in verschiedenen Praxen. Sie können den Patienten Blut abnehmen, Praxis- und Verwaltungsaufgaben erledigen. Einige Auszubildende haben nach der Prüfung bereits eine Stelle in einer Praxis sicher, andere wollen sich noch weiterbilden.
Klassenlehrerin Lüttmann hofft, dass auch künftig die Schüler/innen die Chance haben werden, in einer Praxis vor Ort echte Praxis zu erleben. Und setzt dabei auf die Bereitschaft von Ärzten.
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