Ein Urahn auf Wohnungssuche
10.08.2007 | 13:49 Uhr 2007-08-10T13:49:10+0200Der Löschzug Wattenscheid-Mitte läutet im August 1974 die Alarmglocken.Feuerwehr klagt über das muffige Domizil in der Innenstadt
Die Feuerwehr ist alarmiert. Eigentlich der Normalfall, wenn's brenzlig wird. Diesmal, im August 1974, unter umgekehrten Vorzeichen. Der Löschzug Wattenscheid-Mitte sendet damals einen Notruf aus. Die Männer hausen in Gebäuden der ehemaligen Brotfabrik Naß auf dem gleichnamigen Gelände im Schatten der Propsteikirche.
Zwar besitzt Löschzug I Lehrräume im Schulzentrum West an der Schulstraße, aber die Einsatzfahrzeuge stehen weiterhin auf dem brachliegenden Areal in heruntergekommenen Garagen. Es hapert an allem, vor allem die sanitären Anlagen lassen zu wünschen übrigen. Sogar fließendes Wasser fehlt. Unter die Dusche dürfen die ehrenamtlichen Brandbekämpfer nach anstrengenden Einsätzen oder Übungen zu Hause steigen.
Nach dem Abriss der Hauptwache an der Voedestraße und dem Umzug in die brandneue Hauptwache an der Grünstraße, die im März 1971 eröffnet wird und damals als eine der modernsten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland Aufsehen erregt, müssen sich auch die Männer von WAT-Mitte um eine neue Bleibe kümmern. In der Haupwache konzentriert die Stadt Wattenscheid in jener Epoche ihre hauptamtlichen Wehrleute. "Die neue Feuerwache war zwar großräumig gebaut, und dem Löschzug wurde auch eine Unterbringung angeboten, aber es sollte etwas Eigenes sein", analysiert die zum 125-jährigen Bestehen des Löschzugs Wattenscheid-Mitte publizierte Chronik die Lage.
Ein Blick in die Anfangszeitzeit. Am 26. August 1869 gründen 70 Bürger der Alten Freiheit die Freiwillige Feuerwehr Wattenscheid. Einer von ihnen ist der nimmermüde Karl Busch, seines Zeichens Redakteur und widerum Gründer der Wattenscheider Zeitung. Die Männer im traditionellen blauen Rock genießen schon damals hohes Ansehen bei der Bevölkerung. Die Gemeinde honoriert diesen Einsatz anlässlich des Silberjubiläums anno 1894 mit 300 Mark. Das Geld ist für hilfsbedürftige Feuerwehrleute und ihre Angehörigen bestimmt.
Die Nachfahren hadern dann mehr als ein Jahrnundert später mit der unwürdigen Unterkunft. Ihre Bemühungen, aus der Unterkunft auf dem Naßgelände ein adäquates Domizil zu schaffen, bleiben ein Kampf gegen die Hydra. Den Gebäudeverfall können selbst die handwerklich begabten Feuerwehrleute nicht eindämmen.
Josef Lemke, von 1962 bis 1972 Löschzugführer, wirft der Stadt im August 1974 gravierende Versäumnisse vor. Man fühle sich unfreiwillig verladen, klagt der nunmehrige Ehrenlöschzug-Führer öffentlich. Seit vier Jahren bemüht sich der Löschzug um einen Ausweg aus dem Dilemma. Man bringt ein Gebäude an der Friedrich-Ebert-Straße in der Nachbarschaft des Amtsgerichts in Gespräch. Zu teuer, winkt die Kommune ab. 350 000 DM will die Stadt in die Sanierung des Altbaus nicht investieren. Stadtdirektor Heinz Nöll, zuständig für die Feuerwehr, hört die alarmierenden Signale. Im August 1974 stelt er Pläne vor, die auf dem Gelände der Hauptschule an der Schulstraße den Bau eines Gerätehause für den Löschzug vorsehen.
Doch der Flächenbrand "Eingemeindung" erreicht bekanntlich am Ende des Jahres 1974 endgültig auch die Stadt Wattenscheid. Dadurch wird auch die Idee eines neuen Domizils für den Zug Wattenscheid-Mitte ausgelöscht. Die Odyssee endet dann wenig später doch glücklich - in den Räumen der einstigen Wache V an der Grünstraße. Von dort rückt der "Urahn" der Wattenscheider Wehr bis heute aus.
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